Wer ist dieser Gott und was zum Teufel will er von mir?

Veröffentlicht: 1. Februar 2008 in kurz mitgeschrieben
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Ich bin ja ein freudiger Zugfahrer, doch in letzter Zeit geschieht es immer wieder, dass mich während der Fahrt Passagiere auf Glaubensfragen ansprechen. Vor einigen Wochen bin ich von Berlin zurück nach Heidelberg gefahren. Ich hatte mir am Ostbahnhof ein ganzes Abteil gesichert. Aber schon am Hauptbahnhof, eine Station später, gesellte sich ein älterer Herr zu mir und begann umgehend mich auf Schwäbisch in ein Gespräch zu verwickeln. Anfangs war das auch sehr unterhaltsam und ich lauschte seinen Erzählungen über Stuttgart, wo er als Kind mit seiner Familie vom Bodensee hinzog, Fußball und seiner Leidenschaft, die Konzerte seiner Stars (Helene Fischer, Kim Wilde, Santana, Chris DeBurgh, Chris Norman, Genesis, Police, um nur ein paar zu nennen) zu besuchen. Er berichtete von seiner Arbeit als Bahner, weswegen er nun für 20€ den ganzen Tag mit der Bahn rumkurven kann und vertraute mir an, wie schwer ihn der Verlust seiner Mutter getroffen hatte. Ich hielt ihn für sympathisch und seinen enormen Rededrang interpretierte ich als Unsicherheit. Eigentlich wollte ich auf der Fahrt schreiben, aber er hielt mich permanent davon ab, indem er einfach weiterredete und mich nicht aus dem Gespräch entließ. Es war auch kein Gespräch im eigentlichen Sinne, denn dazu hätte gehört, dass ich auch etwas gesagt hätte; dazu ließ er mir aber keine Gelegenheit. Nach zwei Stunden, in denen ich immer noch nichts gesagt hatte, kamen wir (oder besser: er) auf das Thema Religion und Gott. Er erzählte mir von Jesus, seinen Kumpels und dem heiligen Vater. Er schwärmte vom alten Papst, hielt die Pille für Sünde und gestand mir, dass er in seinem Leben nur ein Buch gelesen hätte: Die Bibel. Mittlerweile rutschte ich ungeduldig auf meinem Sitz herum und wurde unaufmerksam. Ich hätte mich am Liebsten in ein anderes Abteil umgesetzt, aber das fand ich unhöflich, schließlich wußte er, dass ich auch nach Frankfurt am Main wollte, weil ich ihm -dummerweise- gesagt hatte, dass ich auch dort umsteigen müsse. Unsympathisch wurde er mir, als er seine Whiskyflasche auspacke und sich somit der wahre Grund für seinen Redeschwall auftat: Er hatte ganz gut einen im Tee und mir war klar, je mehr er trank, umso mehr höre ich von seinem Gott! Sein erster Plastikbecher Whisky-Cola war schnell weggetrunken. Ich hatte es abgelehnt, auch etwas zu trinken. Ich wollte rauchen, mich bewegen oder zumindest in Ruhe meine Heimfahrt absitzen, aber dieser Schwabe ließ mich nicht! Ich erkannte Müdigkeit in seinen Augen und hoffte, dass er einschlief und ich mich zur Toilette und dann ins Bordbistro schleichen könnte. Und dann geschah das Wunder: Er nickte mitten im Satz weg! Erlösung, dachte ich. Ruhe, hoffte ich. Ich wollte schon gerade den allmächtigen Herrn loben und stand auf, um mich davon zu stehlen. Doch er schreckte auf und beendete seinen Satz, dem weitere folgten. Ich stand also in diesem Abteil und wollte ganz offensichtlich gehen, er saß an der Tür, machte aber keine Anstrengung mich durchzulassen. Ganz im Gegenteil; er redete weiter und weiter, als wäre sein Nickerchen nie gewesen. Es schien ihm nichts auszumachen, dass ich stand und er schien die Möglichkeit, dass ich zur Toilette müsse oder sonst wohin nicht einmal in Erwägung zu ziehen. Ich sagte, ihm dass ich zur Toilette müsse und fragte, ob er mir Platz machen könne. Ohne darauf zu antworten, reagierte er, redete aber weiter… Ich ging dann einfach und schmiedete den Plan, dass ich mich ins Bistro absetzen würde, in der Hoffnung, dass er einschlafen würde und ich erst kurz vor Frankfurt wieder mit ihm in Kontakt treten müsse. Jedoch machte ich einen grundlegenden Fehler: Ich wählte den falschen Weg zur Toilette! Um ins Bistro zu gelangen, musste ich wieder an unserem Abteil vorbei… Ich ließ mir Zeit. Hoffte, er wäre eingeschlafen, wenn ich mich daran vorbeischlich.. Leise und vorsichtig näherte ich mich dem Abteil und versuchte unbemerkt hinein zu sehen, aber er erblickte mich, grüßte mich und öffnete mir die Tür! Mist, verfluchter. Ich setzte mich wieder hinein und plante meine Flucht ins Bistro, während er mir davon berichtete, dass Gott, sein Sohn und der heilige Geist meine Freunde seien. Still murmelte ich, wenn es einen Gott gäbe, wärest Du bei Deiner Mutter und nicht hier! Ich erschrak vor mir selbst und meiner Gehässigkeit. Irgendwo auf meiner Stirn scheint geschrieben zu stehen, dass man mich vollquatschend kann. Ich rieb daran rum. Inzwischen hatte der Christ seinen Koffer geöffnet, aus dem er auch seinen Whisky geholt hatte, und ich hoffte, dass er nicht noch mehr Alkoholika zum Vorschein brachte. Das tat er nicht, jedoch wollte er das Brot mit mir brechen. Er packte Brot, Schinken, Butter, Messer, Frühstücksbrettchen und alles sonstige aus. Er bot mir zu Essen an, aber ich bedankte mich und lehnte mit den Worten ab: „Danke, ich habe keinen Hunger. Habe vorhin noch gegessen!“ Während ich das sagte, protestiere mein Magen laut. In Wirklichkeit hatte noch nichts gegessen, ich hatte Riesenhunger, doch ich wollte nichts von ihm! Ich verfluchte meine vorlaute Art, denn nachdem ich gesagt hatte, dass ich keinen Hunger habe, war jeglicher Grund, jedes Argument, warum ich ins Bistro gehen könnte, entkräftet! Ich ergab mich meinem Schicksal. Das Abteil stank nach Alkohol, Schinken und Senf und ich hörte ihm bis Frankfurt beim Reden und temporären Schnarchen zu.

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Letztens war ich auf dem Weg ins Emsland, um meine Familie zu besuchen. Ich stieg in Heidelberg in den Zug und setzte mich zu einer Dame gesetzteren Alters ins Abteil. Sie legte gleich ihr Buch beiseite und wir plauschten kurz übers Wetter, was heute ausgesprochen schön war! Plötzlich passierte es, sie bemerkte, was mir auf die Stirn geschrieben stand! Ich bemerkte es daran, wie sie mit ihren Fingern auf ihrem Buch herumtippte. Sie erzählte, wo sie wohnt, was sie macht und wie sie dazu kam. Sie ist Referentin für eine überkonfessionelle Irgendwas und hat ne Ausbildung auf einer Jüngerschule oder so in Bayern gemacht… Oh Gott, dachte ich. er der könnte mir auch nicht mehr helfen. Sie erzählte von ihrem Studium, dass sie abgebrochen hatte, von ihrem leben als Stewardess, von ihrer Scheidung und ihren Suizidgedanken; die mich dann auch überkamen. Sie berichtete, wie der Glaube sie davor bewahrt hatte und ihr ein neues Leben geschenkt hätte. Interessanterweise sagte sie das Gleiche wie der Herr zwischen Berlin und Frankfurt: „Dies ist ja nicht das richtige leben, das kommt erst noch!“ Und wieder brannte mir der Satz auf der Zunge, dass man sich dessen nicht sicher sein kann, dass es aber inzwischen anerkannt und philosophisch so gut wie erwiesen sei, dass es ein Leben vor dem Tod gäbe. Wieder verkniff ich mir den Zynismus, mein Gehirn schaltete aber sofort auf Durchzug. Sie plapperte und sprach davon, dass es kein Zufall sei, dass ich in dem Abteil sitze! Als ich reingekommen wäre, hätte sie sofort gewusst, dass sie mir etwas von Gott ausrichten solle! Ich fragte mich, warum er nicht selber anrufen könne. Wer ist denn dieser Gott!? Schickt Leute in die Züge, um mir Dinge von ihm auszurichten zu lassen… Auch diese Christin fuhr bis Frankfurt. Dort angekommen, zog sie einen weißen Mantel an und legte sich einen weißen Schal um. Sie sah aus wie ein Engel, ein alter Engel und ihre Worte zum Abschied waren: „Er kennt Dich! Jesus weiß, wer Du bist und was Du suchst!“ Ich fragte mich, ob er, sein Vater, der heilige Geist oder diese gesandte Botin wussten, dass ich Stunden zuvor erst vom „Teufel“, meinem Arbeitsplatz, zurückkam.. War das der Grund, weshalb Gott mir was ausrichten lässt?

Den Rest der Bahnfahrt drängten sich mir weitere Fragen auf: Wieso schickt Gott seine Schäfchen in die Bahn zum Missionieren? Sind Bahnfahrer im Besonderen zu bekehren oder deren Seelen zu erretten? Ist Gott Lokführer oder Zugchef oder hat er eine UmweltBahnCard? Wahrscheinlich nicht. Gott hat sicher die goldene BahnCard und einen Werbevertrag mit dem Herrn Mehdorn abgeschlossen. So dass Gott für seinen Verein in der Bahn werben darf und Mehdorns Züge auf wundersame Weise alle gleichviel Verspätung haben, wodurch niemand einen mehr Zug verpasst. Wer zum Teufel ist denn dieser Gott, was denkt er sich bloß dabei und vor allem, was will er ausgerechnet von mir?

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Kommentare
  1. KarlKarbon sagt:

    Die Christen missionieren in der Bahn, da ihnen die Leute dort ausgeliefert sind. Kleine Abteile, in denen man sich nicht verstecken kann, die sich zudem mit 280km/h fortbewegen. Ich frage mich wieviele sich schon gefragt haben ob sie doch lieber abspringen sollten, wenn sie auf einen Erleuchteten getroffen sind?!

  2. KurtKaputt sagt:

    Da habe ich doch letztens erst bemerkt dass du fleißig bei mir Kommentare schreibst. Sollte mal öfter auf die E-Mail Adressen achten wenn gepostet wird. Also veröffentliche mal wieder was damit ich auch bei dir nette essays hinterlassen kann.

  3. bertbanane sagt:

    sali,
    erstmal – was is denn bitte an geschwaetzigen whisky-trinkern unsympathisch? nun gut, ansonsten kann ich deine schmerzen irgendwie nachvollziehen. ich bin auch manchmal zu hoeflich und bleibe bei einer konversation haengen, aber mit christen habe ich meist kein problem, die hauen meist ab, bevor ich meine ganzen gegenargumente auf den tisch legen konnte. mir macht’s schon ab und an spass ueber solche dinge rumzudebattieren – ist mir auch angenehmer, als die sitaution, wenn man auf alte bekannte oder verwandte trifft und die dann bezueglich meines privatlebens allzu neugierig werden, da lobe ich mir doch lieber die zeugen jehovas oder wat weiss ich.

  4. „Siehe, das alles tut Gott zwei- oder dreimal mit einem jeglichen, dass Er seine Seele zurückhole aus dem Verderben und erleuchte ihn mit dem Licht der Lebendigen“.
    Du bist in den Augen Gottes ein köstliches Wesen, auch wenn du gleich dem verlorenen Sohn Ihm vorkommst,
    Deine Liebe und Anerkennung sucht Gott der Vater, der dich zu der Ewigkeit bestimmt hat, so du die Gerechtigkeit des lebendigen Gottes erfüllst, die in dem Heilsplan Gottes allen Menschen gelten.
    Die Erde wird vergehen wie ein altes Kleid und was übrig bleibt, bist du und alle Menschen, so sie den gesandten Christus anerkennen, seinen Willen und Gebote suchen und Ihm gehorsam sind, werden ihre Auferstehung aus den Toten erfahren hier im Leib, dass ist die Geist und Wiedergeburt, von der Christus zu dem damaligen Kirchenfürsten Nikodemus sprach.
    Sollte dieses ewige Leben in Verbindung, Vereinigung und Gemeinschaft mit Gott, dir und allen anderen Lesern, es nicht Wert sein, diesen Glasperlen der Welt und der Kinderjahre, den Abschied zu geben und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren?
    Tut es, wie ich es getan habe vor 46 Jahren in Hildesheim
    außerhalb aller von Gott abgefallenen Religionen, Kirchen ,Tempeln, Gemeinden und Sekten, die, durch ihre Buchstabenverkündigung, das religiöse Babylon/d.h. das Ducheinander aufgerichtet haben in Deutschland und Europa, weil sie ihre eigenen Ziele auf Erden verfolgen und den Namen Gottes, Jesu Christi und des Heiligen Geistes missbrauchen um des lieben Mammon wegen.
    Suchet Christus in euem Innern, denn Er steht bereits vor eurer Herzenstür und bittet um Einlass.Offenbarung 3,20
    Lass ab diesem Tag, Christus eurer Lehrer sein ,
    Christus euer Wort Gottes sein, Christus eure Theologie sein die ihr hört und gehorsam seid.
    ER ist der Morgenstern in eurem Innern ,der euch erleuchtet mit dem Licht der Lebendigen.
    Wer Christus mit Gott dem Vater, in seinem Innern als GEIST wohnend hat, wie Er zugesagt hat den Seinen in der Abschiedsrede Johannes 14, 16-23, der hat alles was ein vergänglicher Mensch braucht um zu dem unvergänglichen und göttlichen Leben zu kommen, das Gott den Vater ehrt und der neuen Kreatur Gottes, das ewige Leben bereitet. Soweit bis heute Freunde P.S.

  5. KarlKarbon sagt:

    Oh man Peter,

    wegen solchen Psychos wie dir habe ich meinen Glauben abgelegt.

  6. […] Auszug aus einem (noch) fiktiven Dialog, den ich als Antwort auf die christlichen Bekehrungen in der Deutschen Bahn geschrieben […]

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