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Pavol stand in der Straßenbahn, hielt sich an den klebrigen Haltelaschen fest und lauschte dem Gemurmel der Passagiere. Draussen regnete es und es sah nicht so aus, als würde sich das Wetter heute noch bessern. Es war Herbst, das nächste Semester stand vor der Tür und neue Gesichter bevölkerten das kleine Städtchen. Die Strassen waren voll und tätige Geschäftigkeit und Aufbruch lagen in der Luft. Die Frage in welchem Semester er nun wohl sein möge hallte unbeantwortet durch seinen Kopf. Der Gedanke stieß ihn ab. Was daraus würde, war ihm mehr als klar. Haltestelle, Passagieraustausch. Er hatte kein Ziel, suchte nur die Atmosphäre und ließ sich dahin fahren, wohin die Schienen es wollten. Neu an Bord und direkt neben ihm sitzend, zwei aufgeregt diskutierende Menschen. Pavol strich sich durch das unrasierte Gesicht, hielt sich aber sofort wieder an den Haltelaschen fest, weil ihm das Wort „Pickel“ durch den Kopf schoss. Er versuchte sich abzulenken und musterte die zwei neuen Passagiere. Beide waren gut gewachsen, die Eltern hatten sicher die wahre Freude an den beiden Jungs. Adrett eingekleidet, konform. Ihre Diskussion war mit vielen schönen Fremdwörtern geschmückt und sie versuchten sich gegenseitig mit ihrer Intelligenz zu duellieren. Offensichtlich waren beide ganz gut in der Schule gewesen, denn sie waren weder auf den Mund noch auf den Kopf gefallen. Das atmosphärische Gemurmel trat zurück, und in der Vordergrund drängte sich die hitzige Diskussion der Zwei aus der Bildungselite. Was sollte das? Man stellt sich in die Bahn und will nur ein bisschen lauschen, die Luken reinigen und dann bekommt man Schmand serviert, der einem die Poren verstopft! Pavol wurde ungeduldig. Der Versuch das Gespräch wieder auszublenden scheiterte. Selbst der Gedanke an „Pickel“ brachte ihn zurück zu den lauten Quatschköpfen. Würden die Zwei vielleicht gleich wieder aussteigen oder sollte er selbst raus? Solch geschwollenen Gelabere kann man ja nicht zuhören! Haltestelle. Passagieraustausch. Doch die Zwei und er blieben, wo sie waren. Dann streichelte sich der eine Duellant aufgesetzt grübelnd sein Kinn. Seine Augenbrauen hoben sich wie bei einem Schauspieler, der diese Mimik- und Gestikkombination wochenlang geprobt hatte und dabei leider vergessen hatte, wie beiläufig eine solcher Gesichtszug sein sollte. Nach einem unnötigen Schweigen bemerkte er: „Möchtest Du auf Descartes anspielen?“ Pavol sah wie in dem Kopf des Gegenspielers die Argumente wie Karten neu gemischt wurden, um zu parieren. In diesem Augenblick explodierte in Pavols Kopf die zu erwartende Argumentationskette und er hörte sich schreien: „Student, halt´s Maul!“ Das Gemurmel verstummte augenblicklich, die metallischen Bahngeräusche unterstrichen die erschrockenen Blicke der Passagiere. Mit einem Ruck stoppte die Bahn. Haltestelle. „Ich muss hier raus!“, dachte Pavol laut und sprang zur Türe hinaus. Der Regen klatsche ihm ins Gesicht und der Wind hob sich unter seine Kleidung. Erfrischend, dachte er und ging nicht mehr ganz so ziellos zurück.

Das Omen

Veröffentlicht: 5. Februar 2009 in kurz mitgeschrieben
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Freitag, der 13te naht! Zeit, sich einige Gedanken über Aberglauben und Paranoia zu machen. Der Unterschied zwischen einem abergläubischen Menschen und einem paranoiden Menschen ist die Tatsache, dass der abergläubische Mensch ein Unglück befürchtet, ein paranoider Mensch das Unglück erwartet! Dem schwarzen Freitag bin ich bisher immer entwischt, aber es gibt etliche andere Omen, denen ich bisher nicht entkam. Den Vollmond deuten viele als schlechtes Omen. Seit Jahren beobachte ich meinen nächtlichen Weggefährten und kann bestätigen, der monatliche Höhepunkt verspricht oft Nervosität und Schlaflosigkeit. Die darauf folgenden zwei Wochen des abnehmenden Mondes jedoch sind immer durch Entspannung geprägt. Seit über acht Jahren kämpfe ich gegen ein persönliches böses Omen, dessen Fluch ich jetzt hiermit breche, indem ich es öffentlich bekannt mache! Im Jahr 2000 veröffentlichte die Band „Reamonn“ das Lied „Supergirl“. Als ich es das erste Mal hörte gefiel es mir, ich dachte an meine Freundin, aber mich beschlich schnell ein ungutes Gefühl. Zu recht wie sich herausstellte! Seitdem ist jede Veröffentlichung dieser Band wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewesen. Im Laufe der Jahre habe ich versucht, wegzuhören, diese Musik zu ignorieren und mich für diese Propheten des Unheils taub zu stellen. Zwecklos angesichts der multimedialen Propagandamaschinerie. Als aufgeklärter Mensch habe ich die immer gleichen Folgen verharmlost oder sie als Zufall deklariert. Jetzt ist es aber amtlich. In einem tollkühnen Selbstexperiment habe ich die Existenz dieses Fluchs bewiesen! Daher rufe ich alle Menschen auf, die Musik von „Reamonn“ zu boykottieren, all ihre Tonträger sofort zu zerstören und die Band selbst fordere ich auf, sich umgehend aufzulösen! Damit ist der böse Bann gebrochen und ich sehe gelassen Freitag, dem 13ten entgegen.