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Das Omen

Veröffentlicht: 5. Februar 2009 in kurz mitgeschrieben
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Freitag, der 13te naht! Zeit, sich einige Gedanken über Aberglauben und Paranoia zu machen. Der Unterschied zwischen einem abergläubischen Menschen und einem paranoiden Menschen ist die Tatsache, dass der abergläubische Mensch ein Unglück befürchtet, ein paranoider Mensch das Unglück erwartet! Dem schwarzen Freitag bin ich bisher immer entwischt, aber es gibt etliche andere Omen, denen ich bisher nicht entkam. Den Vollmond deuten viele als schlechtes Omen. Seit Jahren beobachte ich meinen nächtlichen Weggefährten und kann bestätigen, der monatliche Höhepunkt verspricht oft Nervosität und Schlaflosigkeit. Die darauf folgenden zwei Wochen des abnehmenden Mondes jedoch sind immer durch Entspannung geprägt. Seit über acht Jahren kämpfe ich gegen ein persönliches böses Omen, dessen Fluch ich jetzt hiermit breche, indem ich es öffentlich bekannt mache! Im Jahr 2000 veröffentlichte die Band „Reamonn“ das Lied „Supergirl“. Als ich es das erste Mal hörte gefiel es mir, ich dachte an meine Freundin, aber mich beschlich schnell ein ungutes Gefühl. Zu recht wie sich herausstellte! Seitdem ist jede Veröffentlichung dieser Band wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewesen. Im Laufe der Jahre habe ich versucht, wegzuhören, diese Musik zu ignorieren und mich für diese Propheten des Unheils taub zu stellen. Zwecklos angesichts der multimedialen Propagandamaschinerie. Als aufgeklärter Mensch habe ich die immer gleichen Folgen verharmlost oder sie als Zufall deklariert. Jetzt ist es aber amtlich. In einem tollkühnen Selbstexperiment habe ich die Existenz dieses Fluchs bewiesen! Daher rufe ich alle Menschen auf, die Musik von „Reamonn“ zu boykottieren, all ihre Tonträger sofort zu zerstören und die Band selbst fordere ich auf, sich umgehend aufzulösen! Damit ist der böse Bann gebrochen und ich sehe gelassen Freitag, dem 13ten entgegen.

Ein kalter Schauer, sich die Zähren pflückt…

Das kummervolle Zimmer liegt im Halbdunkeln, Musik erklingt gedämpft aus den Ecken. Kerzen verströmen schweren, süßen Duft. Gedankenversunken liegt sie vor einem zersprungenem Spiegel auf dem Boden ihrer Kammer. Zwischendurch flammt leise Feuer, Qualm steigt auf und diskret knistert die Glut ihrer Zigarette. Einzelne Lichtfinger tasten sich durch die kerzenweichen, rauchigen Schatten, während sie Ordnung in ihren Scherben sucht. Ab und zu verlieren sich die traurigen Augen in den Spiegeln und blicken tief in ihre Seele. Kalter Schauer und Gänsehaut krabbeln über ihren Rücken. Sie erschrickt, als sie sich selbst im Spiegel erkennt. Ihre Lippen zittern und Tränen laufen ihre Wangen herab. Schnell zerwühlt sie die Anordnung ihrer Gesichter und dutzende Augen blicken ihr zornig entgegen. Sie weiß, diese Augen sehen anders. Dann wieder gläsernes Splittern aus der Mitte des Raumes, Lichtertanz an den Wänden, so liegt, sitzt und kniet sie seit Stunden und arrangiert ihr Mosaik der Gefühle.

„ Roadworks 1 – Heavy metal iz a poze, hardt rock iz a leifschteil“ von „Motorpsycho“

„The Other Fool“ leitet in das Album ein. Tief brummender Bass, messerscharfe Riffs, Funk und Jazz blitzen aus den Spitzen. Ein wüstes Lied, das dem Hörer nicht die Möglichkeit gibt, sich mit etwas anderem zu beschäftigen und ein hervorragender Übergang für die „K9 Suite“ (auch als „Un Chien d’Espace“ bekannt). Ruhig schleicht sich die Suite ein und still steigernd kracht dann unerwartet das Leben auf einen nieder. Federleicht hebt sich der Gesang aus der schweren Klangfülle. Weggezogen, aus Raum und Zeit gekürzt, das Bewusstsein beschränkt sich nur noch auf die akustische Wahrnehmung. Das Leben in allen höchsten Höhen und tiefsten Tiefen beschreibt dieses Lied. Die Kontinuität des Zyklus´ sowie die gegensätzliche Endlichkeit dieses Kreislaufs werden in Harmonie gestimmt. Nach 19 der 30 Minuten ist der Moment erreicht, den ich immer nur vage mit der „generellen Richtigkeit aller Dinge aller Dinge“ umreissen kann. Alles läuft auf einen Urton, eine Vibration, eine Schwingung, die alles überlagert, alles (be)stimmt, alles erfüllt, hinaus. Eine in sich geschmolzene, auseinander laufende und wieder in sich zurückkehrende Energie, die alles andere begründet, alles andere erst möglich macht. Kein Konsens, sondern Sinn. Wille! Ein erniedrigendes, vielmehr beängstigendes Gefühl, doch dann singt aus der Ferne die Zuversicht. „Super-Wheel“ überrollt die halbstündliche Bewusstseinserweiterung. Und bevor man sich wieder bewusst ist, findet man sich abrupt auf Reise. Mit der Zuversicht im Gepäck schreitet man in die dunkle Höhle und stürzt sich in das Teerloch. Alleine, leise schleichend, in die Schatten der finstren Ecken lauernd, in sich erkundend, Ruhe. „You Lied“ zieht das Rückenmark zurück aus der Reflexion und ist Vorredner des darauf folgenden, phantastischen „Black To Comm“. Man kehrt zurück aus der Hypnose, fühlt den Körper. Es baut Spannung auf. Drive. Und zieht den Hörer den Berg hinauf zum thronenden, alles über schauenden Gipfel. Dort oben gibt es 13 Sekunden „Words Of Wisdom“. Der finale Abschluss ist „Vortex Surfer“ Ein buntes Synapsenfeuerwerk an Erregungsübertragungen verbrennt in haarsträubenden Synästhesien. Der Text hat noch ein sehr langes Echo in meinem Kopf.

Patschnass aufgewacht. Der Schlaf war nicht erholsam. Böse Fieberträume. Schwindel und keine Kraft. Das Telefon klingelt, aber es ist niemand mit dem ich sprechen möchte. Kaffee. Mehr Schwindel. Puls rast. Musik. Nein, doch nicht. Kann nichts hören. Ich lege mich wieder hin.

Das Telefon weckt mich. Ich bin stark! Aber es geht mir nicht so gut wie ich es mir und den anderen wahr machen möchte. Gedanken auf Abwegen. Sie betätigen die falschen Schalter für die Achterbahn der Gefühle. Heiße und kalte Schauern zucken durch meinen Körper. Hunger, aber kein Appetit. Der Versuch, etwas Nahrhaftes herunterzukriegen, scheitert. Musik, mein einziger Freund. Ich verstehe Dich, doch ich kann Dich nicht hören! Oder höre ich Dich und verstehe Dich nicht?

Dieser lästige Sprühschiss! Mein Urin ist zu dunkel. Morgen hat der Arzt Zeit für mich. Morgen soll ich in meinen Geburtstag feiern! Geburtstage machen mich depressiv. Letztes Jahr ging es mir auch nicht gut. Am Schluss der Party saß ich auf dem Boden, völlig aufgelöst und weinte still vor mich hin. Nun werde ich 30! Alle reden von einem wichtigen Abschnitt im Leben. Doch was ist mit dem Leben, was ich will? Wo ist das Leben, was ich mir ausgesucht habe? Ich traue mich nicht zu fragen, ob es noch da ist! Warum ich nicht wusste, dass es so schwierig ist?? Ich wusste es ja! Es gibt halt auch Tiefen, in denen man Inspiration suchen sollte. 30. Ich habe keine Angst und keine Sorge vor dem nächsten Kapitel. Es sind Geburtstage im Generellen, die mich deprimieren. Man denkt über seine Freunde und sein Leben nach, fragt sich wohin man eigentlich will und was dazu geführt hat, dass man jetzt erst hier ist! Das verleitet halt immer zur philosophisch dümmsten Frage: „Was wäre, wenn…?“ Ein leichtes, überlegenes Grinsen: 30 ist nicht das Problem.

Das Telefon schreckt mich aus dem Trübsinn. Ich gehe ran, klinge verschlafen. Schön die Stimme noch mal zu hören, auch wenn es nur kurz ist. Sofort darauf wieder Telefon. Aber ich finde, ich muss heute nicht mit jedem reden! Weggedrückt. Nur weil mein Telefon Tag und Nacht an ist, heißt es ja nicht, dass mich jeder immer anrufen kann. Ich würde schon gerne mit ihnen reden, aber so nicht! Nicht heute! Ich bin ja auch online, will aber nicht gleich mit allen chatten und mich austauschen. Eine gefüllte Freundesliste macht noch keine wahren Freunde! Ich möchte folgende Statusmeldung in den Äther schicken: „Ich bin online, um Euch nah zu sein. Aber bitte lasst mich in Ruhe!“ Dieses Fieber ist ansteckend. Und es ist der Grund dafür, warum ich mich nicht traue, mich persönlich mitzuteilen. Quarantäne.

Musik geht inzwischen, Essen noch nicht. Kopfschmerzen pulsieren vom Gedankensalat. Ich muss aufhören, abschalten. Schließlich will ich mich nicht in Selbstmitleid suhlen! Wieder Telefon! Immer jemand anderes! Weggedrückt. Die Mittelchen zur dumpfen Betäubung sind sehr beschränkt. Der faule Pelz muss entfernt werden! Ich werde die Zähne putzen, mich dick einpacken und mit meinem einzigen Freund in die Wälder gehen.

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Die Luft war gut. Mild, duftend. Ein goldener Herbsttag. Es roch bekannt und nostalgisch. Nach zwei Schritten aus der Haustür, drehte ich um! Heute müssen die mystischen Plätze warten. Ich ging zurück in mein Zimmer und holte meine Taschenlampe und die fingerlosen Handschuhe. Dann ging es los, schnurstracks zum Schlangenweg hinauf. Ich fühlte mich wohl! Sehr wohl, obwohl mein Körper darüber anders gedacht hat! Aber der musste ja auch die ganze Arbeit machen. Mein Geist war amüsiert und gefüllt mit Musik.

Das Ziel war das alte Kloster auf dem Berg über der Thingstätte. Der Weg dorthin war länger als ich ihn in Erinnerung hatte. Und auch mein Geist hatte manchmal schwer zu arbeiten, um dorthin zu kommen. Eine erste längere Rast legte ich an der Thingstätte ein. Es dämmerte schon, als ich ankam. Aber es waren noch einige Leute da. Ich besann mich auf die Musik.

Im Halbdunkel ging ich zum Kloster hinauf. Das Tor war wie erhofft nicht verschlossen und mit der Taschenlampe suchte ich mir den Weg. Ich fand ein Plätzchen auf den Resten einer Wand am hintersten Ende. Auf die Mauern hätte ich mich gerne gesetzt oder in den Turm, aber bei den herrschenden Lichtverhältnissen sollte man am Boden bleiben. Ich bereitete alles vor und habe sicher wie ein blöder Prolet ausgesehen, als ich meinen Computer mitten in der Wildnis ausgepackt habe. „Wenn jemand lästert, kriege ich es nicht mit!“, dachte ich und setzte meine großen Kopfhörer auf. Mit einem Schlag war es dunkel und nur die grünen Buchstaben leuchteten zur Musik.

Manchmal ist es sehr schwer, Musik zu ertragen. Und manchmal kann man nichts anderes machen, als in sie zu versinken. In diesem Fall traf beides zu! Also schrieb ich und ließ mich fallen.

Diesmal gab es keine Sternschnuppen, der Himmel war bewölkt. Ich habe einmal gesagt, dass ich keine mehr bräuchte. Das hatte ich nun davon! Immerhin war es angenehm warm und tranig kamen die Worte ins Fließen.

Als irgendwann mein Telefon klingelte, ging ich ran! Besuch kündigte sich an und ich saß am anderen Ende der Stadt alleine auf einem Berg in einem Wald. Das Treffen wurde verschoben, bis ich wieder in der Zivilisation wäre. Ich packte zusammen. Legte mich noch einen Moment zurück, weil mein Rücken vom Schleppen und schlechten Sitzen vor dem Computer schmerzte und schloss die Augen. Waldgeräusche. Wind, Knacken, Fledermäuse, Rascheln. Satter Duft wurde mir in kleinen Brisen zugewedelt. Ich blieb eine kleine Weile und fühlte die Welt ohne Musik. Ein herrliches Gefühl!

Es verschwand beim Abstieg und machte Angst und Panik Platz. Die Taschenlampe war nutzlos, der Weg zuweilen gefährlich und steil. Undefinierbare Geräusche, schnelle Schatten, das Gefühl nicht allein zu sein und vom Wald beobachtet zu werden bescherte mir Gruseln. Als ich endlich am asphaltierten Philosophenweg ankam, war ich schweißgebadet. Stadtlichter, dann ging alles sehr schnell.

Ich bin zufrieden. Viel und tief frische Luft eingeatmet. Mein Arzt wird auch zufrieden sein, denn er wird morgen früh auf jeden Fall etwas finden.

Es ist wieder Zeit sich dem richtigen Umgang mit Musik zu widmen!

Diesmal geht es um die richtige Sortierung der eigenen Musiksammlung. Um es gleich vorweg zu nehmen, es gibt nicht die richtige Sortierung der eigenen Musiksammlung! Die richtige Sortierung ist ein hochkomplexes Verfahren, das nicht dazu gedacht ist, dass es einen Abschluss findet! Insofern ist es nicht ratsam, hier weiter zu lesen, ohne die entsprechend Vorkenntnisse. Dies ist ausdrücklich kein Grundkurs, sondern ein Hauptkurs, in dem wir uns tief in abstrakte Materie bewegen werden.

Widmen wir uns einem modernen Fallbeispiel: Dj Consul (Name geändert) ist ein großer Musikliebhaber. Er hört privat viel Musik, legt amateurhaft auf und genießt Musik immer gnadenlos zu laut. (Nebenbei erwähnt, er ist ein ziemlich feiner Kerl mit einem offenkundig zu kleinem Kopf. Typ: Tagträumer-Nachtschwärmer. Gemeinsamkeiten mit realen Personen sind unbeabsichtigt und voll zufällig.) In Zeiten des iPods und der .mp3 hat er seine ganzen Cds, Lps und sogar Kassetten digitalisiert und verwaltet diese mit iTunes. Das erlaubt ihm die weitest reichenden Möglichkeiten, seine Musik zu sortieren. Dj Consul hat eine undurchschaubare Gesamtmenge an Musik und das ist das Problem: Jede Sekunde seines Daseins sucht sein Ich nach dem passenden Ausdruck für die Wirklichkeit im Sein (oder war es das Sein in der Wirklichkeit?). Auf jeden Fall wirkt sich das innere Perpetuum Mobile auch auf die Musikwirklichkeit aus. Jede Sekunde auf der Suche nach dem perfekten Lied für den Augenblick. Und dann die drängende, unumgängliche Frage, welches Lied danach kommt! Dieses Phänomen wird „Soundtracking“ genannt. Ein Teufelskreis. Auswirkungen des Soundtrackings sind vor allem Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit, Trance, Vereinsamung, Bewusstseinserweiterung, Größenwahn und Paranoia. Als Beispiele möchte ich hier den Typ um die 40 anführen, der die Heidelberger Plöck gerne mittags wie ein Wahnsinniger mit seinem klapprigen Damenrad entlang heizt, den 80iger-Jahre-Walkman auf Anschlag in den Ohren und dazu lautstark den 70iger-Jahre-Schlager mitsingt. Des weiteren das Mädchen, das in Werlte immer vom alten WEZ kommend durch die Passage ging. Sie hatte auch einen Walkman auf vollen Anschlag im Kopf und trällerte die Liebeslieder mit, aber immer nur in dieser Passage, weil es dort durch die winkelige Architektur ein Latenzecho gibt, das ihrem Gesang einen Halleffekt verlieh. In Berlin, Kreuzberg soll ebenfalls ein Betroffener zu Rad sein Unwesen treiben, indem er wahllos Passanten grüßt! Luftgitarre spielen, Instrumente mitsingen, ständig Kopfhörer zu tragen, als wäre man damit befreundet, Tanzen wie die Musen Dionysos´ sind fortgeschrittene Symptome des Soundtackings. Zurück zum Problem: Dj Consul kennt sich in seiner Musikwelt sehr gut aus, Soundtracking bereitet ihm Freude und er hat sein Soundtracking und die negativen Folgen noch unter Kontrolle. Er möchte Kunst schaffen, und seine Musikwelt in seine greifbare Wirklichkeit transponieren. Früher sagte man „ein Tape aufzunehmen“, heute ist es im Sprachgebrauch geläufiger den Ausdruck „eine Playlist zu exportieren“ zu verwenden. „High Fidelity“ von Nick Hornby ist ein hervorragendes Buch, das sich eindringlichst mit der Materie des „Tape Recording“ beschäftigt und mir endlich die Überleitung zurück zum roten Faden erlaubt. Dj Consul möchte im Grunde „Tapes“ aufnehmen, also Playlists, die seine musikalischen Assoziationen und Verkettungen widerspiegeln. Nick Hornbys Protagonist in „High Fidelity“ arbeitet in einem Plattenladen. Dort sind Platten meist alphabetisch und/oder auch nach Genres. Die Lösung, die Hornby in seinem Roman vorschlägt, ist eine biographische Sortierung. Die praktische Anwendung dieser Methode ist bei Platten und Cds von ganzen Alben sicher möglich, jedoch reicht sie Dj Consul nicht aus. Er möchte Lieder katalogisieren, nicht Alben ordnen. Kassetten boten zu ihrer Zeit die Möglichkeit das gleiche Lied auf verschiedenen Kassetten und hinter oder vor anderen Liedern zu platzieren. Diese Möglichkeit, private „Mixe“ zu erstellen, erlebte erst nach dem Preisverfall von beschreibbaren Cd-Rohlingen und dem der nötigen Hardware eine Renaissance. Diese Methode setze sich jedoch nicht gänzlich durch und ist durch die Fortgeschrittene Hardwaretechnik nicht mehr zeitgemäß. Heutzutage sind .mp3-Player billige Massenware, bieten jedoch umso vielfältigere Möglichkeiten „Tapes“ oder „Mixes“ zu erstellen. Dj Consul nahe stehende Kreise bezeugen, dass er sich ausgiebig mit den verschiedenen Möglichkeiten von Sortierungen befasst hat und inzwischen als Koryphäe auf diesem Gebiet gefeiert wird. Gehen wir nun auf den Lösungsweg ein, den Dj Consul als den vielversprechendsten bewertet. „Bei den verfluchten Gräbern von Börgermoor, wenn das nicht funktioniert, bring ich mich um!“, waren seine genauen Worte. Zuerst schafft man sich ein isoliertes Umfeld, das an angenehmer Gemütlichkeit nicht spart. Diffuses Licht, zum Beispiel Kerzen oder farbige Lampen, um die Atmosphäre zu dämpfen. Man sollte für diese Art der Katalogisierung viel Zeit einberechnen und seinen Lebensrhythmus auf diese ernsthafte Unternehmung ausrichten. Es sollten zur vollkommenen Konzentration auf die musikalischen Hürden, entsprechende Hilfsmittel zur Hand sein: Chips, denn das Knabbern kann als Rettungsanker aus dem „stream of consciousness “ benutzt werden. Man schwebt tief in der Musik, hat jede Realität verlassen und plötzlich ist da dieses Knabbern und Rascheln. Es juckt am Rücken am Bauch, am Hals, an den Armen und auch in den Augen. Man öffnet die Augen und stellt fest, dass das ganze Bett voll gekrümelt ist und man Bauchschmerzen hat, weil man während „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin die ganze Tüte Sodbrennen-Chips verdrückt hat. Marihuana oder wahlweise Haschisch, damit man sich bei „Stairway To Heaven“ oder „Golden Core“ von Motorpsycho noch tiefer in den „stream of consciousness“ fallen lassen kann. Getränke gegen das Pappmaul. Tabak, weil der blaue Rauch so toll aussieht bei bestimmter Musik. Und weil wir salzige Chips haben, müssen wir als Konterpart auch Weingummi und Schokolade haben, die Weiße von Nestlé und die Vollmilch von Milka. Mit tiefrotem Schwarztee starten wir die Anfangszeremonie. Der Tee darf dafür ruhig etwas länger ziehen. Etwa eine Zigarettenlänge. Dj Consul betont, dass er seine selbst gedrehten Zigaretten etwas länger raucht, als der gewöhnliche Raucher seine Filterzigarette. Seine genauen Worte waren: „Deivel, noamol! Laat mi jüst die eene Kippe fattich rökn, annas wadd mi gnörrich un dann warr ick grell, datt ick di fort platt moakn wull!! Un dann setzt it watt, min Jung. Dann prügel ick di so tau Klump wie Schmidts Harm sine Tante ehr üggene Kat tau Brei moaket hav!!! Zum Mitschreiben: Wenn ich diese Kippe nicht komplett zu ende rauche, habe ich das Gefühl, das ich keine ganze Dosis Nikotin aufgenommen habe. Woraus folgt, dass ich noch eine rauchen will und zwar diesmal ganz! Daraus folgt, das ich der Kritik meiner Umwelt ausgesetzt bin, der zu folge ich einer ungehalten Nikotinsucht fröne. Dies wiederum hat zur Folge, dass ich nicht rauche. Und die Folge ist, ich bin unternikotinisiert und äußerst ungehalten. Also lass mich in Ruhe zu ende rauchen, der Tee ist noch nicht soweit!“ Kurz darauf erklärt Dj Consul mit dem heißen Tee in den Händen das Werkzeug: „Wir arbeiten mit iTunes, was uns zwar eine alphabetische Ordnung aufoktroyiert, dafür die Musikdateien automatisch verwaltet.“ Zuerst findet eine Filterung der Interpreten statt. Es wird ein Ordner für Interpreten angelegt und jeder Interpret bekommt eine Playlist, in die nur die gewünschten Lieder des jeweiligen Interpreten eingefügt werden. Diese erste Siebung kann nicht ohne Hindernisse stattfinden, wenn sich Kollaborationen verschiedener Interpreten in der Musiksammlung befinden! Darauf werde ich eventuell in einem späteren Meisterseminar zur Musiksammlung eingehen. Die Frage, ob ein Musikstück definitiv nur einem Künstler zugeordnet wird, alle Künstler ein gleiches Recht auf ein und dasselbe Lied haben oder ob dadurch eine neue Playlist für dies Zusammenarbeit angelegt wird, lässt sich meist nur im Einzelfall erörtern! Nun wird ein weiterer Ordner für Playlists angelegt und mit Genres beschriftet. Den einzelnen Lieder der Interpreten werden nun Genres zugeteilt. Die Kategorie der Genres lässt viel Freiraum für Kreativität, denn wenn sich Lieder nicht einem einzelnen oder bestimmten Genre zuordnen lassen, erfindet man eines. Wichtig ist nur, dass man nicht zu fein filtert. Zwar wird man nicht alles in grobe Richtungen einsortieren können, doch um homogene Mixes zu erstellen, sollte die schrittweise Siebung der Musik nicht vorschnell umgangen werden. Leicht läuft man Gefahr, sich in den Genres zu verlieren und unausgegorene Mixes anzulegen. Dabei kann es notwendig sein, sich ähnelnde Genre-Playlists zusammenzulegen. Hilfreich ist auch eine Playlist für schwer einzusortierende Musik anzulegen. Hat man die Interpreten anhand der Genres gefiltert und diese auf das Minimum zusammengekocht, kommen wir zum nächsten Schritt. Genres werden in Subgenres gesplittet. Diese orientieren sich an der Grundstimmung des Liedes. Ruhig, schnell, treibend, psychedelisch, sphärisch, traurig, fröhlich sind nur einige der unzähligen Möglichkeiten. Beim Abschluss dieses Vorgangs sind sicher unzählige Nächte dahin gegangen, aber wir haben einen sehr guten Überblick über unsere Musiksammlung und beste Voraussetzungen für ein gutes Tape! Bevor man sich an einen Mix oder an ein Tape, im Folgenden nur noch Mixtape genannt, wagt, sollte man sich grundlegende Fragen stellen. Für wen ist das Mixtape? Einen Freund? Eine Geliebte? Einem Jogger oder einem Whiskytrinker. Welche Stimmung und welche Wirkung soll es hervorrufen? Trost, Sehnsucht, Hoffnung,… Worauf möchte man hinaus? Wie entwickelt man die Spannung, die im Klimax gipfelt und wie lässt man die Eruption ausufern? Das klingt alles sehr sinnlich und ist es auch. Deswegen wird hier auch nur noch ein Geheimnis der intimen Techniken des Dj Consul verraten: „Musikhören ist wie Verliebtsein! Die Musik ist eine Dame. Man sollte ihr deswegen immer sehr genau zuhören! Wenn man Glück hat, findet man die Richtige.“

Reden wir über Musik und steigen wir gleich tief in die Materie ein:


„Roadworks 2 – The MotorSourceMassacre“ von „Motorpsycho“


Kurzes Jazzgeschrubbe leitet in „Grindstone“ ein. Rauer Klangteppich schleift grob über den Hörsinn, das firlige Gefrickel klingt wie das Quietschen und Splittern des Schleifsteins. Acht Minuten später heilt Melodie die geschärften Ohren. Tiefes, kehlköpfiges Gurgeln, sanfte Gitarren, verspielte Flangereffekte und eine liebliche Stimme; „the Wheel“ nimmt einen mit. Langsam nehmen Flanger und Effekte wieder zu. Das Lied wird eindringlicher. Der Klangteppich entfaltet Atmosphäre, die sich wie dichte Bläue durch den Raum zwischen den Ohren nebelt. Die verrückten Effektspielereien sträuben meinen Nackenflaum aufrecht. Wir befinden ins in der Mitte der zwanzig Minuten. Gänsehaut. Wenn man zu Synästhesien neigt, wäre hier eine gute Gelegenheit, sich vorab ins Feuerwerk zu stürzen. Intuitiv etwas lauter machen. Das sanfte Liedchen hat sich zu einem Koloss einwickelt, man hört das Rad, tief grummend. Ab und zu schlägt es Funken. So hört sich die Drehung eines Planeten an. So fühlt sich die Allmacht der Schwerkraft an, zermahlt den Hörer. Eine Reise ins Tiefste des Kosmos und in die Tiefen der Kräfte, die ihn zusammenhält bis im Inneren nur noch eine Schwingung ist, die allen anderen zu Grunde liegt, von der alles ausgeht, die alle anderen Schwingungen erzeugt, anregt. „Finske Skogar“ ist die Bremse! Quietschend bremst es erstmal alle drehenden Assoziationen. Aus einer Restschwingung erwacht das Leben erneut. Absurder Wille zur Existenz. Plötzlich Puls. „Dreams“, wirre Träume. Bekömmlich. Flummi aus sehr weichem Kautschuk. Tiefe Träume tanzen in Trance. Wir kommen zum Kern. „Golden Core“ beginnt, indem es aus „Dreams“ heraus schmilzt. Massiv unbeirrbar zielstrebig. Kein Zweifel, Rückkopplung lässt Gänsehaut schreien. Kribbeln überall. Glockenspiel, Bass und messerscharfe Gitarren, Bläser, pulsierende Effekte. Der goldene Kern anästhesiert wie eine Rückenmarksnarkose. Greifbares Urvertrauen. Ob Geburt oder Tod, dieses Lied handelt sicher nicht davon, was für uns begreifbar wäre Und wenn man denkt es gehrt nicht weiter, nicht tiefer, dann schießt es einen in die Ewigkeit Das Ego wird zu einem verschwindenden Lichtfleck. „Limbo“ holt einen gemächlich zurück in die Wirklichkeit. Dann noch eine Zugabe, die wirr die 73 Minuten abrundet

Die Nacht war hart! Ich war in der Bar. Dort gab es Katzennachwuchs und die kleinen Biester flitzen überall herum. Aus Angst, die Kleinen könnten zertreten werden, wurde ein Schild aufgehängt.


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Außer den üblichen Verdächtigen war niemand da und so ergab ich mich dem ewigen Schicksal als Zuhörer. Ein junger Stammgast, wollte seine Geschichte loswerden und erzählte von seinem Vater. Dazu pseudosentimentales Geplänkel… Gelangweilt und mit der Notiz im Kopf, mich das nächste Mal von dem Typen fernzuhalten, ging ich irgendwann heim. Hellwach, doch kein Schlaf, der mich erlöste.



17:05

Ankunft in Köln:Ich wollte mich mit meinen Emsköppen treffen, doch es hat niemand Zeit. Also sitze ich alleine vorm Dom. Plötzlich ein freundliches „Hallo“ von hinten. Der Tonfall klingt, als hätte mich jemand erkannt. Ich drehe mich um, sehe aber niemand bekannten. Das Gesicht zur Stimme sieht nett aus, weswegen ich ich die Frage bejahe, ob sie sich neben mich setzen darf. Kaum sitzt sie neben mir, zückt sie eine Werbematerial und will mich von ihrer Hilfsorganisation überzeugen! „In die Falle getappt,“ denke ich, während sie mir bereits skizziert, worum es geht. Sie will Geld, keine Unterschrift. Geld, um bedürftigen Familien in der 3.Welt trächtige Kühe zu schenken! Keine schlechte Idee, aber da hat sie einfach den falschen erwischt. Ich falle ihr ins Wort und reisse das Gespräch an mich. Ich erkläre ihr, dass ich es für unverantwortlich halte, trächtige Kühe an Arme und Bedürftige zu verschenken, weil die gemeine Kuh ein hochaggressives, sehr gefährliches Tier ist und gerade während deer Trachtzeit und auch nach der Geburt des Kalbs völlig unberechenbar ist und insofern eine massive Gefahr für Leib und Leben darstellt. Sichtlich irritiert bedankt und verabschiedet sie sich mit vorgefertigten Floskeln und einem Gesichtsausdruck voller Unverständnis bei/von mir.


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17:48

Es geht tiefer in den Norden. Wieder fand ich ohne Probleme einen gemütlichen Raucherplatz. Ob es ander Kleidung oder am Aussehen liegt, weiß ich nicht, aber schon jetzt erkenne ich, wer mit ins Moor der norddeutschen Tiefebene fährt.Wie immer Soldaten an Board. Sie unterhalten sich über das blinde Zerlegen eines G36. Das wird wohl ein Maschinengewehr sein, denke ich mir. Sie prahlen mit Ihren Zerlegezeiten und meine Gedanken kreisen um die Vorstellung, was wäre, wenn ich bei der Bundeswehr gelandet wäre: Zelten im Wald, Biertrinken, mit echten Waffen ballern, Panzer fahren,… In meiner Vorstellung ein lustiges Freizeitcamp. Hätte ich das lieber gemacht, als orientierungslose, alte Damen durch die Gegend zu kutschieren, Körperpflege von Behinderten und die Büroarbeit für meine inkompetenten Vorgesetzten? Vielleicht wäre ich dann jetzt Kampfjetpilot… Undenkbar!

18:18

Düsseldorf. Ich schreibe Notizen nieder. Fridolin blickt mich an (siehe Bild). Er begleitet mich seit Jahren auf fast allen InterCity-Reisen und irgendwann habe ich ihn Fridolin getauft.


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19:28

Bin gleich in Münster. Die Häuser sehen hier anders aus. Backstein gefällt mir besser als die verputzten Häuser im Süden. Ich bin in der norddeutschen Tiefebene.

19:46

Maisfelder und scheinbar unendliche Weiten. Mich wundert, dass das Wetter so gut ist.

19:50

Immer noch kein W-Lan-Netz empfangen, dafür Moby im Ohr passend zum farbenprächtigen Sonnenuntergang.

20:01

Wir verlassen Rheine. Noch zwei Haltestellen, dann bin ich in der Stadt, die sich auf „Deppen“ reimt. Hier habe ich viel Zeit verbracht. Das Haus in der Marktstiege 43 soll schon lange abgerissen sein. Das waren wilde Jahre.. 20 km zum nächsten CoffeeShop in Emmen (NL), ekstatische Parties, entrückte und verrückte Menschen. Wo mögen die alle geblieben sein? Mit den wichtigen bin ich zwar noch in Kontakt, aber der Rest ist untergegangen oder untergetaucht.Die Häuser an den schienen werden spärlicher. Es überwiegen Äcker, Wälder und Land(wirt)schaft. Es sitzen nur noch Emsländer und Ostfriesen im Zug; nur wenige Plätze sind belegt. Es sind genau die Gesichter, die ich erwartet habe. Gleich noch eine halbe Stunde im Auto, dann bin ich wieder dort, von wo aus ich so weit weg wollte.


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20:14

Nun sind wir im Emsland. Zwei Sonnen starhlen mich an. Die echte und ihr Spiegelbild. Das Atomkraftwerk erinnnert mich an Spargel! Hier in Lingen sind die leute sehr stolz, dass ihr Spargel immer zwei Wochen früher fertig ist. Das liegt am warmen Kühlwasser des AKWs, das die Umgebung entscheidende zwei/drei Grad erwärmt, so dass der Spargel schneller reifen kann.

20:30

Inzwischen sind mehr Windkrafträder als Häuser zu sehen.

20:38

Ich steige in Meppen aus und werde von meinem Vater abgeholt. Jetzt noch eine halbe Stunde mit dem Auto, dann ist die Reise zuende.Im Auto erblicke ich plötzlich beim Überqueren der Nordradde einen wunderbaren Bodennebel und sage: „Wenn Du kannst, fahre rechts ran.“ In meiner Fotomanie wollte ich die Landschaft knipsen, um die Bilder hier zu veröffentlichen. Mein Vater, schwerhörig, verstand nur: „Fahr rechts ran“, und trat erschrocken und irritiert in die Bremsen!! „So war das nicht gemeint“, und bis ich ihm erklärt hatte, dass es sich nicht um einen Notfall, sondern um ein Bild handelte, war die Szenerie lang vorbei.



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21:17

Ankunft in Werlte. Steter Wandel. Bauliche Neuerungen, die das Dörfchen weiter verunstalten. Daheim: Famileienessen.

22:38

Ich gehe in den Garten, um eine Zigarette zu rauchen. Die Nacht ist sternenklar, die Luft feucht und mild. Vom ganzen Sitzen sind die Füße ganz taub. Ich gehe auf und ab, rauche noch eine und stelle fest, je länger man in die Sterne schaut, umso mehr werden es.

22:59

Ich hole mir einen GArtenstuhl und platziere ihn mitten auf der Rasenfläche. Ich lege mich hinein und blicke in die Sterne. Was sich einem bei so einem Blick auftut, kann man und sollte man nicht versuchen, in Worte zu fassen.

23:54

Es ist frisch geworden und ein brummendes Auto auf der entfernten Landstrasse holt mich auf die Erde zurück. ich gehe ins Haus.

23:55

Ich komme mit einer Decke und Musik wieder raus. Ich mache es mir unterm Himmelszelt gemütlich und stelle fest: Die erde hat sich gedreht! Die Sternenkonstelation, die ich gegen zwanzig vor elf beobachtet habe, hat innzischen eine anddere Position am Horizont. Zugegeben, es ist derweil allgemein bekannt, dass die Erde sich dreht. Dennoch ist es spektakulär, Zeuge kosmischer Bewegung zu sein. Solche Beobachtungen holen einen zurück in die Wirklichkeit und beseelen den Beobachter mit einem Gefühl von der Richtigkeit aller Dinge und als wäre das nicht genug warmes Kribbeln im Bauch, erklingt „The Golden Core“ über die Musikknöpfe in den Ohren.Ich falle tief in die Sterne, ob sie mir wohl noch mehr Geheimnisse preisgeben? Es scheinen immer mehr zu werden. Worte wie Bestimmung, Schicksal, Zufall, Möglichkeit und Sinn schiessen mir durch den Kopf. Die grummenden Klänge klingen wie das steinige Grummen der Erddrehung. Ich lasse gestirn und Musik freien Lauf- lasse es willenlos über mich ergehen. Alle Luken sind geöffnet, alle Sensoren auf Empfang. Plötzlich, aber bewußt ein Augenzwinern der Nacht: Eine Sternschnuppe!

02:00

Ich lag noch eine Weile in den Sternen versunken im Garten, bis schließlich Wolken wie ein Vorhang vor die Bühne zogen und ich mit dem wohlig behüteten Gefühl auf die Erde zurückkam, drei Sternschnuppen in einer Woche gesehen zu haben.