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Das Omen

Veröffentlicht: 5. Februar 2009 in kurz mitgeschrieben
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Freitag, der 13te naht! Zeit, sich einige Gedanken über Aberglauben und Paranoia zu machen. Der Unterschied zwischen einem abergläubischen Menschen und einem paranoiden Menschen ist die Tatsache, dass der abergläubische Mensch ein Unglück befürchtet, ein paranoider Mensch das Unglück erwartet! Dem schwarzen Freitag bin ich bisher immer entwischt, aber es gibt etliche andere Omen, denen ich bisher nicht entkam. Den Vollmond deuten viele als schlechtes Omen. Seit Jahren beobachte ich meinen nächtlichen Weggefährten und kann bestätigen, der monatliche Höhepunkt verspricht oft Nervosität und Schlaflosigkeit. Die darauf folgenden zwei Wochen des abnehmenden Mondes jedoch sind immer durch Entspannung geprägt. Seit über acht Jahren kämpfe ich gegen ein persönliches böses Omen, dessen Fluch ich jetzt hiermit breche, indem ich es öffentlich bekannt mache! Im Jahr 2000 veröffentlichte die Band „Reamonn“ das Lied „Supergirl“. Als ich es das erste Mal hörte gefiel es mir, ich dachte an meine Freundin, aber mich beschlich schnell ein ungutes Gefühl. Zu recht wie sich herausstellte! Seitdem ist jede Veröffentlichung dieser Band wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewesen. Im Laufe der Jahre habe ich versucht, wegzuhören, diese Musik zu ignorieren und mich für diese Propheten des Unheils taub zu stellen. Zwecklos angesichts der multimedialen Propagandamaschinerie. Als aufgeklärter Mensch habe ich die immer gleichen Folgen verharmlost oder sie als Zufall deklariert. Jetzt ist es aber amtlich. In einem tollkühnen Selbstexperiment habe ich die Existenz dieses Fluchs bewiesen! Daher rufe ich alle Menschen auf, die Musik von „Reamonn“ zu boykottieren, all ihre Tonträger sofort zu zerstören und die Band selbst fordere ich auf, sich umgehend aufzulösen! Damit ist der böse Bann gebrochen und ich sehe gelassen Freitag, dem 13ten entgegen.

Ein kalter Schauer, sich die Zähren pflückt…

Das kummervolle Zimmer liegt im Halbdunkeln, Musik erklingt gedämpft aus den Ecken. Kerzen verströmen schweren, süßen Duft. Gedankenversunken liegt sie vor einem zersprungenem Spiegel auf dem Boden ihrer Kammer. Zwischendurch flammt leise Feuer, Qualm steigt auf und diskret knistert die Glut ihrer Zigarette. Einzelne Lichtfinger tasten sich durch die kerzenweichen, rauchigen Schatten, während sie Ordnung in ihren Scherben sucht. Ab und zu verlieren sich die traurigen Augen in den Spiegeln und blicken tief in ihre Seele. Kalter Schauer und Gänsehaut krabbeln über ihren Rücken. Sie erschrickt, als sie sich selbst im Spiegel erkennt. Ihre Lippen zittern und Tränen laufen ihre Wangen herab. Schnell zerwühlt sie die Anordnung ihrer Gesichter und dutzende Augen blicken ihr zornig entgegen. Sie weiß, diese Augen sehen anders. Dann wieder gläsernes Splittern aus der Mitte des Raumes, Lichtertanz an den Wänden, so liegt, sitzt und kniet sie seit Stunden und arrangiert ihr Mosaik der Gefühle.

„ Roadworks 1 – Heavy metal iz a poze, hardt rock iz a leifschteil“ von „Motorpsycho“

„The Other Fool“ leitet in das Album ein. Tief brummender Bass, messerscharfe Riffs, Funk und Jazz blitzen aus den Spitzen. Ein wüstes Lied, das dem Hörer nicht die Möglichkeit gibt, sich mit etwas anderem zu beschäftigen und ein hervorragender Übergang für die „K9 Suite“ (auch als „Un Chien d’Espace“ bekannt). Ruhig schleicht sich die Suite ein und still steigernd kracht dann unerwartet das Leben auf einen nieder. Federleicht hebt sich der Gesang aus der schweren Klangfülle. Weggezogen, aus Raum und Zeit gekürzt, das Bewusstsein beschränkt sich nur noch auf die akustische Wahrnehmung. Das Leben in allen höchsten Höhen und tiefsten Tiefen beschreibt dieses Lied. Die Kontinuität des Zyklus´ sowie die gegensätzliche Endlichkeit dieses Kreislaufs werden in Harmonie gestimmt. Nach 19 der 30 Minuten ist der Moment erreicht, den ich immer nur vage mit der „generellen Richtigkeit aller Dinge aller Dinge“ umreissen kann. Alles läuft auf einen Urton, eine Vibration, eine Schwingung, die alles überlagert, alles (be)stimmt, alles erfüllt, hinaus. Eine in sich geschmolzene, auseinander laufende und wieder in sich zurückkehrende Energie, die alles andere begründet, alles andere erst möglich macht. Kein Konsens, sondern Sinn. Wille! Ein erniedrigendes, vielmehr beängstigendes Gefühl, doch dann singt aus der Ferne die Zuversicht. „Super-Wheel“ überrollt die halbstündliche Bewusstseinserweiterung. Und bevor man sich wieder bewusst ist, findet man sich abrupt auf Reise. Mit der Zuversicht im Gepäck schreitet man in die dunkle Höhle und stürzt sich in das Teerloch. Alleine, leise schleichend, in die Schatten der finstren Ecken lauernd, in sich erkundend, Ruhe. „You Lied“ zieht das Rückenmark zurück aus der Reflexion und ist Vorredner des darauf folgenden, phantastischen „Black To Comm“. Man kehrt zurück aus der Hypnose, fühlt den Körper. Es baut Spannung auf. Drive. Und zieht den Hörer den Berg hinauf zum thronenden, alles über schauenden Gipfel. Dort oben gibt es 13 Sekunden „Words Of Wisdom“. Der finale Abschluss ist „Vortex Surfer“ Ein buntes Synapsenfeuerwerk an Erregungsübertragungen verbrennt in haarsträubenden Synästhesien. Der Text hat noch ein sehr langes Echo in meinem Kopf.

Patschnass aufgewacht. Der Schlaf war nicht erholsam. Böse Fieberträume. Schwindel und keine Kraft. Das Telefon klingelt, aber es ist niemand mit dem ich sprechen möchte. Kaffee. Mehr Schwindel. Puls rast. Musik. Nein, doch nicht. Kann nichts hören. Ich lege mich wieder hin.

Das Telefon weckt mich. Ich bin stark! Aber es geht mir nicht so gut wie ich es mir und den anderen wahr machen möchte. Gedanken auf Abwegen. Sie betätigen die falschen Schalter für die Achterbahn der Gefühle. Heiße und kalte Schauern zucken durch meinen Körper. Hunger, aber kein Appetit. Der Versuch, etwas Nahrhaftes herunterzukriegen, scheitert. Musik, mein einziger Freund. Ich verstehe Dich, doch ich kann Dich nicht hören! Oder höre ich Dich und verstehe Dich nicht?

Dieser lästige Sprühschiss! Mein Urin ist zu dunkel. Morgen hat der Arzt Zeit für mich. Morgen soll ich in meinen Geburtstag feiern! Geburtstage machen mich depressiv. Letztes Jahr ging es mir auch nicht gut. Am Schluss der Party saß ich auf dem Boden, völlig aufgelöst und weinte still vor mich hin. Nun werde ich 30! Alle reden von einem wichtigen Abschnitt im Leben. Doch was ist mit dem Leben, was ich will? Wo ist das Leben, was ich mir ausgesucht habe? Ich traue mich nicht zu fragen, ob es noch da ist! Warum ich nicht wusste, dass es so schwierig ist?? Ich wusste es ja! Es gibt halt auch Tiefen, in denen man Inspiration suchen sollte. 30. Ich habe keine Angst und keine Sorge vor dem nächsten Kapitel. Es sind Geburtstage im Generellen, die mich deprimieren. Man denkt über seine Freunde und sein Leben nach, fragt sich wohin man eigentlich will und was dazu geführt hat, dass man jetzt erst hier ist! Das verleitet halt immer zur philosophisch dümmsten Frage: „Was wäre, wenn…?“ Ein leichtes, überlegenes Grinsen: 30 ist nicht das Problem.

Das Telefon schreckt mich aus dem Trübsinn. Ich gehe ran, klinge verschlafen. Schön die Stimme noch mal zu hören, auch wenn es nur kurz ist. Sofort darauf wieder Telefon. Aber ich finde, ich muss heute nicht mit jedem reden! Weggedrückt. Nur weil mein Telefon Tag und Nacht an ist, heißt es ja nicht, dass mich jeder immer anrufen kann. Ich würde schon gerne mit ihnen reden, aber so nicht! Nicht heute! Ich bin ja auch online, will aber nicht gleich mit allen chatten und mich austauschen. Eine gefüllte Freundesliste macht noch keine wahren Freunde! Ich möchte folgende Statusmeldung in den Äther schicken: „Ich bin online, um Euch nah zu sein. Aber bitte lasst mich in Ruhe!“ Dieses Fieber ist ansteckend. Und es ist der Grund dafür, warum ich mich nicht traue, mich persönlich mitzuteilen. Quarantäne.

Musik geht inzwischen, Essen noch nicht. Kopfschmerzen pulsieren vom Gedankensalat. Ich muss aufhören, abschalten. Schließlich will ich mich nicht in Selbstmitleid suhlen! Wieder Telefon! Immer jemand anderes! Weggedrückt. Die Mittelchen zur dumpfen Betäubung sind sehr beschränkt. Der faule Pelz muss entfernt werden! Ich werde die Zähne putzen, mich dick einpacken und mit meinem einzigen Freund in die Wälder gehen.

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Die Luft war gut. Mild, duftend. Ein goldener Herbsttag. Es roch bekannt und nostalgisch. Nach zwei Schritten aus der Haustür, drehte ich um! Heute müssen die mystischen Plätze warten. Ich ging zurück in mein Zimmer und holte meine Taschenlampe und die fingerlosen Handschuhe. Dann ging es los, schnurstracks zum Schlangenweg hinauf. Ich fühlte mich wohl! Sehr wohl, obwohl mein Körper darüber anders gedacht hat! Aber der musste ja auch die ganze Arbeit machen. Mein Geist war amüsiert und gefüllt mit Musik.

Das Ziel war das alte Kloster auf dem Berg über der Thingstätte. Der Weg dorthin war länger als ich ihn in Erinnerung hatte. Und auch mein Geist hatte manchmal schwer zu arbeiten, um dorthin zu kommen. Eine erste längere Rast legte ich an der Thingstätte ein. Es dämmerte schon, als ich ankam. Aber es waren noch einige Leute da. Ich besann mich auf die Musik.

Im Halbdunkel ging ich zum Kloster hinauf. Das Tor war wie erhofft nicht verschlossen und mit der Taschenlampe suchte ich mir den Weg. Ich fand ein Plätzchen auf den Resten einer Wand am hintersten Ende. Auf die Mauern hätte ich mich gerne gesetzt oder in den Turm, aber bei den herrschenden Lichtverhältnissen sollte man am Boden bleiben. Ich bereitete alles vor und habe sicher wie ein blöder Prolet ausgesehen, als ich meinen Computer mitten in der Wildnis ausgepackt habe. „Wenn jemand lästert, kriege ich es nicht mit!“, dachte ich und setzte meine großen Kopfhörer auf. Mit einem Schlag war es dunkel und nur die grünen Buchstaben leuchteten zur Musik.

Manchmal ist es sehr schwer, Musik zu ertragen. Und manchmal kann man nichts anderes machen, als in sie zu versinken. In diesem Fall traf beides zu! Also schrieb ich und ließ mich fallen.

Diesmal gab es keine Sternschnuppen, der Himmel war bewölkt. Ich habe einmal gesagt, dass ich keine mehr bräuchte. Das hatte ich nun davon! Immerhin war es angenehm warm und tranig kamen die Worte ins Fließen.

Als irgendwann mein Telefon klingelte, ging ich ran! Besuch kündigte sich an und ich saß am anderen Ende der Stadt alleine auf einem Berg in einem Wald. Das Treffen wurde verschoben, bis ich wieder in der Zivilisation wäre. Ich packte zusammen. Legte mich noch einen Moment zurück, weil mein Rücken vom Schleppen und schlechten Sitzen vor dem Computer schmerzte und schloss die Augen. Waldgeräusche. Wind, Knacken, Fledermäuse, Rascheln. Satter Duft wurde mir in kleinen Brisen zugewedelt. Ich blieb eine kleine Weile und fühlte die Welt ohne Musik. Ein herrliches Gefühl!

Es verschwand beim Abstieg und machte Angst und Panik Platz. Die Taschenlampe war nutzlos, der Weg zuweilen gefährlich und steil. Undefinierbare Geräusche, schnelle Schatten, das Gefühl nicht allein zu sein und vom Wald beobachtet zu werden bescherte mir Gruseln. Als ich endlich am asphaltierten Philosophenweg ankam, war ich schweißgebadet. Stadtlichter, dann ging alles sehr schnell.

Ich bin zufrieden. Viel und tief frische Luft eingeatmet. Mein Arzt wird auch zufrieden sein, denn er wird morgen früh auf jeden Fall etwas finden.

Es ist wieder Zeit sich dem richtigen Umgang mit Musik zu widmen!

Diesmal geht es um die richtige Sortierung der eigenen Musiksammlung. Um es gleich vorweg zu nehmen, es gibt nicht die richtige Sortierung der eigenen Musiksammlung! Die richtige Sortierung ist ein hochkomplexes Verfahren, das nicht dazu gedacht ist, dass es einen Abschluss findet! Insofern ist es nicht ratsam, hier weiter zu lesen, ohne die entsprechend Vorkenntnisse. Dies ist ausdrücklich kein Grundkurs, sondern ein Hauptkurs, in dem wir uns tief in abstrakte Materie bewegen werden.

Widmen wir uns einem modernen Fallbeispiel: Dj Consul (Name geändert) ist ein großer Musikliebhaber. Er hört privat viel Musik, legt amateurhaft auf und genießt Musik immer gnadenlos zu laut. (Nebenbei erwähnt, er ist ein ziemlich feiner Kerl mit einem offenkundig zu kleinem Kopf. Typ: Tagträumer-Nachtschwärmer. Gemeinsamkeiten mit realen Personen sind unbeabsichtigt und voll zufällig.) In Zeiten des iPods und der .mp3 hat er seine ganzen Cds, Lps und sogar Kassetten digitalisiert und verwaltet diese mit iTunes. Das erlaubt ihm die weitest reichenden Möglichkeiten, seine Musik zu sortieren. Dj Consul hat eine undurchschaubare Gesamtmenge an Musik und das ist das Problem: Jede Sekunde seines Daseins sucht sein Ich nach dem passenden Ausdruck für die Wirklichkeit im Sein (oder war es das Sein in der Wirklichkeit?). Auf jeden Fall wirkt sich das innere Perpetuum Mobile auch auf die Musikwirklichkeit aus. Jede Sekunde auf der Suche nach dem perfekten Lied für den Augenblick. Und dann die drängende, unumgängliche Frage, welches Lied danach kommt! Dieses Phänomen wird „Soundtracking“ genannt. Ein Teufelskreis. Auswirkungen des Soundtrackings sind vor allem Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit, Trance, Vereinsamung, Bewusstseinserweiterung, Größenwahn und Paranoia. Als Beispiele möchte ich hier den Typ um die 40 anführen, der die Heidelberger Plöck gerne mittags wie ein Wahnsinniger mit seinem klapprigen Damenrad entlang heizt, den 80iger-Jahre-Walkman auf Anschlag in den Ohren und dazu lautstark den 70iger-Jahre-Schlager mitsingt. Des weiteren das Mädchen, das in Werlte immer vom alten WEZ kommend durch die Passage ging. Sie hatte auch einen Walkman auf vollen Anschlag im Kopf und trällerte die Liebeslieder mit, aber immer nur in dieser Passage, weil es dort durch die winkelige Architektur ein Latenzecho gibt, das ihrem Gesang einen Halleffekt verlieh. In Berlin, Kreuzberg soll ebenfalls ein Betroffener zu Rad sein Unwesen treiben, indem er wahllos Passanten grüßt! Luftgitarre spielen, Instrumente mitsingen, ständig Kopfhörer zu tragen, als wäre man damit befreundet, Tanzen wie die Musen Dionysos´ sind fortgeschrittene Symptome des Soundtackings. Zurück zum Problem: Dj Consul kennt sich in seiner Musikwelt sehr gut aus, Soundtracking bereitet ihm Freude und er hat sein Soundtracking und die negativen Folgen noch unter Kontrolle. Er möchte Kunst schaffen, und seine Musikwelt in seine greifbare Wirklichkeit transponieren. Früher sagte man „ein Tape aufzunehmen“, heute ist es im Sprachgebrauch geläufiger den Ausdruck „eine Playlist zu exportieren“ zu verwenden. „High Fidelity“ von Nick Hornby ist ein hervorragendes Buch, das sich eindringlichst mit der Materie des „Tape Recording“ beschäftigt und mir endlich die Überleitung zurück zum roten Faden erlaubt. Dj Consul möchte im Grunde „Tapes“ aufnehmen, also Playlists, die seine musikalischen Assoziationen und Verkettungen widerspiegeln. Nick Hornbys Protagonist in „High Fidelity“ arbeitet in einem Plattenladen. Dort sind Platten meist alphabetisch und/oder auch nach Genres. Die Lösung, die Hornby in seinem Roman vorschlägt, ist eine biographische Sortierung. Die praktische Anwendung dieser Methode ist bei Platten und Cds von ganzen Alben sicher möglich, jedoch reicht sie Dj Consul nicht aus. Er möchte Lieder katalogisieren, nicht Alben ordnen. Kassetten boten zu ihrer Zeit die Möglichkeit das gleiche Lied auf verschiedenen Kassetten und hinter oder vor anderen Liedern zu platzieren. Diese Möglichkeit, private „Mixe“ zu erstellen, erlebte erst nach dem Preisverfall von beschreibbaren Cd-Rohlingen und dem der nötigen Hardware eine Renaissance. Diese Methode setze sich jedoch nicht gänzlich durch und ist durch die Fortgeschrittene Hardwaretechnik nicht mehr zeitgemäß. Heutzutage sind .mp3-Player billige Massenware, bieten jedoch umso vielfältigere Möglichkeiten „Tapes“ oder „Mixes“ zu erstellen. Dj Consul nahe stehende Kreise bezeugen, dass er sich ausgiebig mit den verschiedenen Möglichkeiten von Sortierungen befasst hat und inzwischen als Koryphäe auf diesem Gebiet gefeiert wird. Gehen wir nun auf den Lösungsweg ein, den Dj Consul als den vielversprechendsten bewertet. „Bei den verfluchten Gräbern von Börgermoor, wenn das nicht funktioniert, bring ich mich um!“, waren seine genauen Worte. Zuerst schafft man sich ein isoliertes Umfeld, das an angenehmer Gemütlichkeit nicht spart. Diffuses Licht, zum Beispiel Kerzen oder farbige Lampen, um die Atmosphäre zu dämpfen. Man sollte für diese Art der Katalogisierung viel Zeit einberechnen und seinen Lebensrhythmus auf diese ernsthafte Unternehmung ausrichten. Es sollten zur vollkommenen Konzentration auf die musikalischen Hürden, entsprechende Hilfsmittel zur Hand sein: Chips, denn das Knabbern kann als Rettungsanker aus dem „stream of consciousness “ benutzt werden. Man schwebt tief in der Musik, hat jede Realität verlassen und plötzlich ist da dieses Knabbern und Rascheln. Es juckt am Rücken am Bauch, am Hals, an den Armen und auch in den Augen. Man öffnet die Augen und stellt fest, dass das ganze Bett voll gekrümelt ist und man Bauchschmerzen hat, weil man während „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin die ganze Tüte Sodbrennen-Chips verdrückt hat. Marihuana oder wahlweise Haschisch, damit man sich bei „Stairway To Heaven“ oder „Golden Core“ von Motorpsycho noch tiefer in den „stream of consciousness“ fallen lassen kann. Getränke gegen das Pappmaul. Tabak, weil der blaue Rauch so toll aussieht bei bestimmter Musik. Und weil wir salzige Chips haben, müssen wir als Konterpart auch Weingummi und Schokolade haben, die Weiße von Nestlé und die Vollmilch von Milka. Mit tiefrotem Schwarztee starten wir die Anfangszeremonie. Der Tee darf dafür ruhig etwas länger ziehen. Etwa eine Zigarettenlänge. Dj Consul betont, dass er seine selbst gedrehten Zigaretten etwas länger raucht, als der gewöhnliche Raucher seine Filterzigarette. Seine genauen Worte waren: „Deivel, noamol! Laat mi jüst die eene Kippe fattich rökn, annas wadd mi gnörrich un dann warr ick grell, datt ick di fort platt moakn wull!! Un dann setzt it watt, min Jung. Dann prügel ick di so tau Klump wie Schmidts Harm sine Tante ehr üggene Kat tau Brei moaket hav!!! Zum Mitschreiben: Wenn ich diese Kippe nicht komplett zu ende rauche, habe ich das Gefühl, das ich keine ganze Dosis Nikotin aufgenommen habe. Woraus folgt, dass ich noch eine rauchen will und zwar diesmal ganz! Daraus folgt, das ich der Kritik meiner Umwelt ausgesetzt bin, der zu folge ich einer ungehalten Nikotinsucht fröne. Dies wiederum hat zur Folge, dass ich nicht rauche. Und die Folge ist, ich bin unternikotinisiert und äußerst ungehalten. Also lass mich in Ruhe zu ende rauchen, der Tee ist noch nicht soweit!“ Kurz darauf erklärt Dj Consul mit dem heißen Tee in den Händen das Werkzeug: „Wir arbeiten mit iTunes, was uns zwar eine alphabetische Ordnung aufoktroyiert, dafür die Musikdateien automatisch verwaltet.“ Zuerst findet eine Filterung der Interpreten statt. Es wird ein Ordner für Interpreten angelegt und jeder Interpret bekommt eine Playlist, in die nur die gewünschten Lieder des jeweiligen Interpreten eingefügt werden. Diese erste Siebung kann nicht ohne Hindernisse stattfinden, wenn sich Kollaborationen verschiedener Interpreten in der Musiksammlung befinden! Darauf werde ich eventuell in einem späteren Meisterseminar zur Musiksammlung eingehen. Die Frage, ob ein Musikstück definitiv nur einem Künstler zugeordnet wird, alle Künstler ein gleiches Recht auf ein und dasselbe Lied haben oder ob dadurch eine neue Playlist für dies Zusammenarbeit angelegt wird, lässt sich meist nur im Einzelfall erörtern! Nun wird ein weiterer Ordner für Playlists angelegt und mit Genres beschriftet. Den einzelnen Lieder der Interpreten werden nun Genres zugeteilt. Die Kategorie der Genres lässt viel Freiraum für Kreativität, denn wenn sich Lieder nicht einem einzelnen oder bestimmten Genre zuordnen lassen, erfindet man eines. Wichtig ist nur, dass man nicht zu fein filtert. Zwar wird man nicht alles in grobe Richtungen einsortieren können, doch um homogene Mixes zu erstellen, sollte die schrittweise Siebung der Musik nicht vorschnell umgangen werden. Leicht läuft man Gefahr, sich in den Genres zu verlieren und unausgegorene Mixes anzulegen. Dabei kann es notwendig sein, sich ähnelnde Genre-Playlists zusammenzulegen. Hilfreich ist auch eine Playlist für schwer einzusortierende Musik anzulegen. Hat man die Interpreten anhand der Genres gefiltert und diese auf das Minimum zusammengekocht, kommen wir zum nächsten Schritt. Genres werden in Subgenres gesplittet. Diese orientieren sich an der Grundstimmung des Liedes. Ruhig, schnell, treibend, psychedelisch, sphärisch, traurig, fröhlich sind nur einige der unzähligen Möglichkeiten. Beim Abschluss dieses Vorgangs sind sicher unzählige Nächte dahin gegangen, aber wir haben einen sehr guten Überblick über unsere Musiksammlung und beste Voraussetzungen für ein gutes Tape! Bevor man sich an einen Mix oder an ein Tape, im Folgenden nur noch Mixtape genannt, wagt, sollte man sich grundlegende Fragen stellen. Für wen ist das Mixtape? Einen Freund? Eine Geliebte? Einem Jogger oder einem Whiskytrinker. Welche Stimmung und welche Wirkung soll es hervorrufen? Trost, Sehnsucht, Hoffnung,… Worauf möchte man hinaus? Wie entwickelt man die Spannung, die im Klimax gipfelt und wie lässt man die Eruption ausufern? Das klingt alles sehr sinnlich und ist es auch. Deswegen wird hier auch nur noch ein Geheimnis der intimen Techniken des Dj Consul verraten: „Musikhören ist wie Verliebtsein! Die Musik ist eine Dame. Man sollte ihr deswegen immer sehr genau zuhören! Wenn man Glück hat, findet man die Richtige.“