Mit ‘Whisky’ getaggte Beiträge

Es ist wieder Zeit sich dem richtigen Umgang mit Musik zu widmen!

Diesmal geht es um die richtige Sortierung der eigenen Musiksammlung. Um es gleich vorweg zu nehmen, es gibt nicht die richtige Sortierung der eigenen Musiksammlung! Die richtige Sortierung ist ein hochkomplexes Verfahren, das nicht dazu gedacht ist, dass es einen Abschluss findet! Insofern ist es nicht ratsam, hier weiter zu lesen, ohne die entsprechend Vorkenntnisse. Dies ist ausdrücklich kein Grundkurs, sondern ein Hauptkurs, in dem wir uns tief in abstrakte Materie bewegen werden.

Widmen wir uns einem modernen Fallbeispiel: Dj Consul (Name geändert) ist ein großer Musikliebhaber. Er hört privat viel Musik, legt amateurhaft auf und genießt Musik immer gnadenlos zu laut. (Nebenbei erwähnt, er ist ein ziemlich feiner Kerl mit einem offenkundig zu kleinem Kopf. Typ: Tagträumer-Nachtschwärmer. Gemeinsamkeiten mit realen Personen sind unbeabsichtigt und voll zufällig.) In Zeiten des iPods und der .mp3 hat er seine ganzen Cds, Lps und sogar Kassetten digitalisiert und verwaltet diese mit iTunes. Das erlaubt ihm die weitest reichenden Möglichkeiten, seine Musik zu sortieren. Dj Consul hat eine undurchschaubare Gesamtmenge an Musik und das ist das Problem: Jede Sekunde seines Daseins sucht sein Ich nach dem passenden Ausdruck für die Wirklichkeit im Sein (oder war es das Sein in der Wirklichkeit?). Auf jeden Fall wirkt sich das innere Perpetuum Mobile auch auf die Musikwirklichkeit aus. Jede Sekunde auf der Suche nach dem perfekten Lied für den Augenblick. Und dann die drängende, unumgängliche Frage, welches Lied danach kommt! Dieses Phänomen wird „Soundtracking“ genannt. Ein Teufelskreis. Auswirkungen des Soundtrackings sind vor allem Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit, Trance, Vereinsamung, Bewusstseinserweiterung, Größenwahn und Paranoia. Als Beispiele möchte ich hier den Typ um die 40 anführen, der die Heidelberger Plöck gerne mittags wie ein Wahnsinniger mit seinem klapprigen Damenrad entlang heizt, den 80iger-Jahre-Walkman auf Anschlag in den Ohren und dazu lautstark den 70iger-Jahre-Schlager mitsingt. Des weiteren das Mädchen, das in Werlte immer vom alten WEZ kommend durch die Passage ging. Sie hatte auch einen Walkman auf vollen Anschlag im Kopf und trällerte die Liebeslieder mit, aber immer nur in dieser Passage, weil es dort durch die winkelige Architektur ein Latenzecho gibt, das ihrem Gesang einen Halleffekt verlieh. In Berlin, Kreuzberg soll ebenfalls ein Betroffener zu Rad sein Unwesen treiben, indem er wahllos Passanten grüßt! Luftgitarre spielen, Instrumente mitsingen, ständig Kopfhörer zu tragen, als wäre man damit befreundet, Tanzen wie die Musen Dionysos´ sind fortgeschrittene Symptome des Soundtackings. Zurück zum Problem: Dj Consul kennt sich in seiner Musikwelt sehr gut aus, Soundtracking bereitet ihm Freude und er hat sein Soundtracking und die negativen Folgen noch unter Kontrolle. Er möchte Kunst schaffen, und seine Musikwelt in seine greifbare Wirklichkeit transponieren. Früher sagte man „ein Tape aufzunehmen“, heute ist es im Sprachgebrauch geläufiger den Ausdruck „eine Playlist zu exportieren“ zu verwenden. „High Fidelity“ von Nick Hornby ist ein hervorragendes Buch, das sich eindringlichst mit der Materie des „Tape Recording“ beschäftigt und mir endlich die Überleitung zurück zum roten Faden erlaubt. Dj Consul möchte im Grunde „Tapes“ aufnehmen, also Playlists, die seine musikalischen Assoziationen und Verkettungen widerspiegeln. Nick Hornbys Protagonist in „High Fidelity“ arbeitet in einem Plattenladen. Dort sind Platten meist alphabetisch und/oder auch nach Genres. Die Lösung, die Hornby in seinem Roman vorschlägt, ist eine biographische Sortierung. Die praktische Anwendung dieser Methode ist bei Platten und Cds von ganzen Alben sicher möglich, jedoch reicht sie Dj Consul nicht aus. Er möchte Lieder katalogisieren, nicht Alben ordnen. Kassetten boten zu ihrer Zeit die Möglichkeit das gleiche Lied auf verschiedenen Kassetten und hinter oder vor anderen Liedern zu platzieren. Diese Möglichkeit, private „Mixe“ zu erstellen, erlebte erst nach dem Preisverfall von beschreibbaren Cd-Rohlingen und dem der nötigen Hardware eine Renaissance. Diese Methode setze sich jedoch nicht gänzlich durch und ist durch die Fortgeschrittene Hardwaretechnik nicht mehr zeitgemäß. Heutzutage sind .mp3-Player billige Massenware, bieten jedoch umso vielfältigere Möglichkeiten „Tapes“ oder „Mixes“ zu erstellen. Dj Consul nahe stehende Kreise bezeugen, dass er sich ausgiebig mit den verschiedenen Möglichkeiten von Sortierungen befasst hat und inzwischen als Koryphäe auf diesem Gebiet gefeiert wird. Gehen wir nun auf den Lösungsweg ein, den Dj Consul als den vielversprechendsten bewertet. „Bei den verfluchten Gräbern von Börgermoor, wenn das nicht funktioniert, bring ich mich um!“, waren seine genauen Worte. Zuerst schafft man sich ein isoliertes Umfeld, das an angenehmer Gemütlichkeit nicht spart. Diffuses Licht, zum Beispiel Kerzen oder farbige Lampen, um die Atmosphäre zu dämpfen. Man sollte für diese Art der Katalogisierung viel Zeit einberechnen und seinen Lebensrhythmus auf diese ernsthafte Unternehmung ausrichten. Es sollten zur vollkommenen Konzentration auf die musikalischen Hürden, entsprechende Hilfsmittel zur Hand sein: Chips, denn das Knabbern kann als Rettungsanker aus dem „stream of consciousness “ benutzt werden. Man schwebt tief in der Musik, hat jede Realität verlassen und plötzlich ist da dieses Knabbern und Rascheln. Es juckt am Rücken am Bauch, am Hals, an den Armen und auch in den Augen. Man öffnet die Augen und stellt fest, dass das ganze Bett voll gekrümelt ist und man Bauchschmerzen hat, weil man während „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin die ganze Tüte Sodbrennen-Chips verdrückt hat. Marihuana oder wahlweise Haschisch, damit man sich bei „Stairway To Heaven“ oder „Golden Core“ von Motorpsycho noch tiefer in den „stream of consciousness“ fallen lassen kann. Getränke gegen das Pappmaul. Tabak, weil der blaue Rauch so toll aussieht bei bestimmter Musik. Und weil wir salzige Chips haben, müssen wir als Konterpart auch Weingummi und Schokolade haben, die Weiße von Nestlé und die Vollmilch von Milka. Mit tiefrotem Schwarztee starten wir die Anfangszeremonie. Der Tee darf dafür ruhig etwas länger ziehen. Etwa eine Zigarettenlänge. Dj Consul betont, dass er seine selbst gedrehten Zigaretten etwas länger raucht, als der gewöhnliche Raucher seine Filterzigarette. Seine genauen Worte waren: „Deivel, noamol! Laat mi jüst die eene Kippe fattich rökn, annas wadd mi gnörrich un dann warr ick grell, datt ick di fort platt moakn wull!! Un dann setzt it watt, min Jung. Dann prügel ick di so tau Klump wie Schmidts Harm sine Tante ehr üggene Kat tau Brei moaket hav!!! Zum Mitschreiben: Wenn ich diese Kippe nicht komplett zu ende rauche, habe ich das Gefühl, das ich keine ganze Dosis Nikotin aufgenommen habe. Woraus folgt, dass ich noch eine rauchen will und zwar diesmal ganz! Daraus folgt, das ich der Kritik meiner Umwelt ausgesetzt bin, der zu folge ich einer ungehalten Nikotinsucht fröne. Dies wiederum hat zur Folge, dass ich nicht rauche. Und die Folge ist, ich bin unternikotinisiert und äußerst ungehalten. Also lass mich in Ruhe zu ende rauchen, der Tee ist noch nicht soweit!“ Kurz darauf erklärt Dj Consul mit dem heißen Tee in den Händen das Werkzeug: „Wir arbeiten mit iTunes, was uns zwar eine alphabetische Ordnung aufoktroyiert, dafür die Musikdateien automatisch verwaltet.“ Zuerst findet eine Filterung der Interpreten statt. Es wird ein Ordner für Interpreten angelegt und jeder Interpret bekommt eine Playlist, in die nur die gewünschten Lieder des jeweiligen Interpreten eingefügt werden. Diese erste Siebung kann nicht ohne Hindernisse stattfinden, wenn sich Kollaborationen verschiedener Interpreten in der Musiksammlung befinden! Darauf werde ich eventuell in einem späteren Meisterseminar zur Musiksammlung eingehen. Die Frage, ob ein Musikstück definitiv nur einem Künstler zugeordnet wird, alle Künstler ein gleiches Recht auf ein und dasselbe Lied haben oder ob dadurch eine neue Playlist für dies Zusammenarbeit angelegt wird, lässt sich meist nur im Einzelfall erörtern! Nun wird ein weiterer Ordner für Playlists angelegt und mit Genres beschriftet. Den einzelnen Lieder der Interpreten werden nun Genres zugeteilt. Die Kategorie der Genres lässt viel Freiraum für Kreativität, denn wenn sich Lieder nicht einem einzelnen oder bestimmten Genre zuordnen lassen, erfindet man eines. Wichtig ist nur, dass man nicht zu fein filtert. Zwar wird man nicht alles in grobe Richtungen einsortieren können, doch um homogene Mixes zu erstellen, sollte die schrittweise Siebung der Musik nicht vorschnell umgangen werden. Leicht läuft man Gefahr, sich in den Genres zu verlieren und unausgegorene Mixes anzulegen. Dabei kann es notwendig sein, sich ähnelnde Genre-Playlists zusammenzulegen. Hilfreich ist auch eine Playlist für schwer einzusortierende Musik anzulegen. Hat man die Interpreten anhand der Genres gefiltert und diese auf das Minimum zusammengekocht, kommen wir zum nächsten Schritt. Genres werden in Subgenres gesplittet. Diese orientieren sich an der Grundstimmung des Liedes. Ruhig, schnell, treibend, psychedelisch, sphärisch, traurig, fröhlich sind nur einige der unzähligen Möglichkeiten. Beim Abschluss dieses Vorgangs sind sicher unzählige Nächte dahin gegangen, aber wir haben einen sehr guten Überblick über unsere Musiksammlung und beste Voraussetzungen für ein gutes Tape! Bevor man sich an einen Mix oder an ein Tape, im Folgenden nur noch Mixtape genannt, wagt, sollte man sich grundlegende Fragen stellen. Für wen ist das Mixtape? Einen Freund? Eine Geliebte? Einem Jogger oder einem Whiskytrinker. Welche Stimmung und welche Wirkung soll es hervorrufen? Trost, Sehnsucht, Hoffnung,… Worauf möchte man hinaus? Wie entwickelt man die Spannung, die im Klimax gipfelt und wie lässt man die Eruption ausufern? Das klingt alles sehr sinnlich und ist es auch. Deswegen wird hier auch nur noch ein Geheimnis der intimen Techniken des Dj Consul verraten: „Musikhören ist wie Verliebtsein! Die Musik ist eine Dame. Man sollte ihr deswegen immer sehr genau zuhören! Wenn man Glück hat, findet man die Richtige.“

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Ich bin ja ein freudiger Zugfahrer, doch in letzter Zeit geschieht es immer wieder, dass mich während der Fahrt Passagiere auf Glaubensfragen ansprechen. Vor einigen Wochen bin ich von Berlin zurück nach Heidelberg gefahren. Ich hatte mir am Ostbahnhof ein ganzes Abteil gesichert. Aber schon am Hauptbahnhof, eine Station später, gesellte sich ein älterer Herr zu mir und begann umgehend mich auf Schwäbisch in ein Gespräch zu verwickeln. Anfangs war das auch sehr unterhaltsam und ich lauschte seinen Erzählungen über Stuttgart, wo er als Kind mit seiner Familie vom Bodensee hinzog, Fußball und seiner Leidenschaft, die Konzerte seiner Stars (Helene Fischer, Kim Wilde, Santana, Chris DeBurgh, Chris Norman, Genesis, Police, um nur ein paar zu nennen) zu besuchen. Er berichtete von seiner Arbeit als Bahner, weswegen er nun für 20€ den ganzen Tag mit der Bahn rumkurven kann und vertraute mir an, wie schwer ihn der Verlust seiner Mutter getroffen hatte. Ich hielt ihn für sympathisch und seinen enormen Rededrang interpretierte ich als Unsicherheit. Eigentlich wollte ich auf der Fahrt schreiben, aber er hielt mich permanent davon ab, indem er einfach weiterredete und mich nicht aus dem Gespräch entließ. Es war auch kein Gespräch im eigentlichen Sinne, denn dazu hätte gehört, dass ich auch etwas gesagt hätte; dazu ließ er mir aber keine Gelegenheit. Nach zwei Stunden, in denen ich immer noch nichts gesagt hatte, kamen wir (oder besser: er) auf das Thema Religion und Gott. Er erzählte mir von Jesus, seinen Kumpels und dem heiligen Vater. Er schwärmte vom alten Papst, hielt die Pille für Sünde und gestand mir, dass er in seinem Leben nur ein Buch gelesen hätte: Die Bibel. Mittlerweile rutschte ich ungeduldig auf meinem Sitz herum und wurde unaufmerksam. Ich hätte mich am Liebsten in ein anderes Abteil umgesetzt, aber das fand ich unhöflich, schließlich wußte er, dass ich auch nach Frankfurt am Main wollte, weil ich ihm -dummerweise- gesagt hatte, dass ich auch dort umsteigen müsse. Unsympathisch wurde er mir, als er seine Whiskyflasche auspacke und sich somit der wahre Grund für seinen Redeschwall auftat: Er hatte ganz gut einen im Tee und mir war klar, je mehr er trank, umso mehr höre ich von seinem Gott! Sein erster Plastikbecher Whisky-Cola war schnell weggetrunken. Ich hatte es abgelehnt, auch etwas zu trinken. Ich wollte rauchen, mich bewegen oder zumindest in Ruhe meine Heimfahrt absitzen, aber dieser Schwabe ließ mich nicht! Ich erkannte Müdigkeit in seinen Augen und hoffte, dass er einschlief und ich mich zur Toilette und dann ins Bordbistro schleichen könnte. Und dann geschah das Wunder: Er nickte mitten im Satz weg! Erlösung, dachte ich. Ruhe, hoffte ich. Ich wollte schon gerade den allmächtigen Herrn loben und stand auf, um mich davon zu stehlen. Doch er schreckte auf und beendete seinen Satz, dem weitere folgten. Ich stand also in diesem Abteil und wollte ganz offensichtlich gehen, er saß an der Tür, machte aber keine Anstrengung mich durchzulassen. Ganz im Gegenteil; er redete weiter und weiter, als wäre sein Nickerchen nie gewesen. Es schien ihm nichts auszumachen, dass ich stand und er schien die Möglichkeit, dass ich zur Toilette müsse oder sonst wohin nicht einmal in Erwägung zu ziehen. Ich sagte, ihm dass ich zur Toilette müsse und fragte, ob er mir Platz machen könne. Ohne darauf zu antworten, reagierte er, redete aber weiter… Ich ging dann einfach und schmiedete den Plan, dass ich mich ins Bistro absetzen würde, in der Hoffnung, dass er einschlafen würde und ich erst kurz vor Frankfurt wieder mit ihm in Kontakt treten müsse. Jedoch machte ich einen grundlegenden Fehler: Ich wählte den falschen Weg zur Toilette! Um ins Bistro zu gelangen, musste ich wieder an unserem Abteil vorbei… Ich ließ mir Zeit. Hoffte, er wäre eingeschlafen, wenn ich mich daran vorbeischlich.. Leise und vorsichtig näherte ich mich dem Abteil und versuchte unbemerkt hinein zu sehen, aber er erblickte mich, grüßte mich und öffnete mir die Tür! Mist, verfluchter. Ich setzte mich wieder hinein und plante meine Flucht ins Bistro, während er mir davon berichtete, dass Gott, sein Sohn und der heilige Geist meine Freunde seien. Still murmelte ich, wenn es einen Gott gäbe, wärest Du bei Deiner Mutter und nicht hier! Ich erschrak vor mir selbst und meiner Gehässigkeit. Irgendwo auf meiner Stirn scheint geschrieben zu stehen, dass man mich vollquatschend kann. Ich rieb daran rum. Inzwischen hatte der Christ seinen Koffer geöffnet, aus dem er auch seinen Whisky geholt hatte, und ich hoffte, dass er nicht noch mehr Alkoholika zum Vorschein brachte. Das tat er nicht, jedoch wollte er das Brot mit mir brechen. Er packte Brot, Schinken, Butter, Messer, Frühstücksbrettchen und alles sonstige aus. Er bot mir zu Essen an, aber ich bedankte mich und lehnte mit den Worten ab: „Danke, ich habe keinen Hunger. Habe vorhin noch gegessen!“ Während ich das sagte, protestiere mein Magen laut. In Wirklichkeit hatte noch nichts gegessen, ich hatte Riesenhunger, doch ich wollte nichts von ihm! Ich verfluchte meine vorlaute Art, denn nachdem ich gesagt hatte, dass ich keinen Hunger habe, war jeglicher Grund, jedes Argument, warum ich ins Bistro gehen könnte, entkräftet! Ich ergab mich meinem Schicksal. Das Abteil stank nach Alkohol, Schinken und Senf und ich hörte ihm bis Frankfurt beim Reden und temporären Schnarchen zu.

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Letztens war ich auf dem Weg ins Emsland, um meine Familie zu besuchen. Ich stieg in Heidelberg in den Zug und setzte mich zu einer Dame gesetzteren Alters ins Abteil. Sie legte gleich ihr Buch beiseite und wir plauschten kurz übers Wetter, was heute ausgesprochen schön war! Plötzlich passierte es, sie bemerkte, was mir auf die Stirn geschrieben stand! Ich bemerkte es daran, wie sie mit ihren Fingern auf ihrem Buch herumtippte. Sie erzählte, wo sie wohnt, was sie macht und wie sie dazu kam. Sie ist Referentin für eine überkonfessionelle Irgendwas und hat ne Ausbildung auf einer Jüngerschule oder so in Bayern gemacht… Oh Gott, dachte ich. er der könnte mir auch nicht mehr helfen. Sie erzählte von ihrem Studium, dass sie abgebrochen hatte, von ihrem leben als Stewardess, von ihrer Scheidung und ihren Suizidgedanken; die mich dann auch überkamen. Sie berichtete, wie der Glaube sie davor bewahrt hatte und ihr ein neues Leben geschenkt hätte. Interessanterweise sagte sie das Gleiche wie der Herr zwischen Berlin und Frankfurt: „Dies ist ja nicht das richtige leben, das kommt erst noch!“ Und wieder brannte mir der Satz auf der Zunge, dass man sich dessen nicht sicher sein kann, dass es aber inzwischen anerkannt und philosophisch so gut wie erwiesen sei, dass es ein Leben vor dem Tod gäbe. Wieder verkniff ich mir den Zynismus, mein Gehirn schaltete aber sofort auf Durchzug. Sie plapperte und sprach davon, dass es kein Zufall sei, dass ich in dem Abteil sitze! Als ich reingekommen wäre, hätte sie sofort gewusst, dass sie mir etwas von Gott ausrichten solle! Ich fragte mich, warum er nicht selber anrufen könne. Wer ist denn dieser Gott!? Schickt Leute in die Züge, um mir Dinge von ihm auszurichten zu lassen… Auch diese Christin fuhr bis Frankfurt. Dort angekommen, zog sie einen weißen Mantel an und legte sich einen weißen Schal um. Sie sah aus wie ein Engel, ein alter Engel und ihre Worte zum Abschied waren: „Er kennt Dich! Jesus weiß, wer Du bist und was Du suchst!“ Ich fragte mich, ob er, sein Vater, der heilige Geist oder diese gesandte Botin wussten, dass ich Stunden zuvor erst vom „Teufel“, meinem Arbeitsplatz, zurückkam.. War das der Grund, weshalb Gott mir was ausrichten lässt?

Den Rest der Bahnfahrt drängten sich mir weitere Fragen auf: Wieso schickt Gott seine Schäfchen in die Bahn zum Missionieren? Sind Bahnfahrer im Besonderen zu bekehren oder deren Seelen zu erretten? Ist Gott Lokführer oder Zugchef oder hat er eine UmweltBahnCard? Wahrscheinlich nicht. Gott hat sicher die goldene BahnCard und einen Werbevertrag mit dem Herrn Mehdorn abgeschlossen. So dass Gott für seinen Verein in der Bahn werben darf und Mehdorns Züge auf wundersame Weise alle gleichviel Verspätung haben, wodurch niemand einen mehr Zug verpasst. Wer zum Teufel ist denn dieser Gott, was denkt er sich bloß dabei und vor allem, was will er ausgerechnet von mir?