Patschnass aufgewacht. Der Schlaf war nicht erholsam. Böse Fieberträume. Schwindel und keine Kraft. Das Telefon klingelt, aber es ist niemand mit dem ich sprechen möchte. Kaffee. Mehr Schwindel. Puls rast. Musik. Nein, doch nicht. Kann nichts hören. Ich lege mich wieder hin.

Das Telefon weckt mich. Ich bin stark! Aber es geht mir nicht so gut wie ich es mir und den anderen wahr machen möchte. Gedanken auf Abwegen. Sie betätigen die falschen Schalter für die Achterbahn der Gefühle. Heiße und kalte Schauern zucken durch meinen Körper. Hunger, aber kein Appetit. Der Versuch, etwas Nahrhaftes herunterzukriegen, scheitert. Musik, mein einziger Freund. Ich verstehe Dich, doch ich kann Dich nicht hören! Oder höre ich Dich und verstehe Dich nicht?

Dieser lästige Sprühschiss! Mein Urin ist zu dunkel. Morgen hat der Arzt Zeit für mich. Morgen soll ich in meinen Geburtstag feiern! Geburtstage machen mich depressiv. Letztes Jahr ging es mir auch nicht gut. Am Schluss der Party saß ich auf dem Boden, völlig aufgelöst und weinte still vor mich hin. Nun werde ich 30! Alle reden von einem wichtigen Abschnitt im Leben. Doch was ist mit dem Leben, was ich will? Wo ist das Leben, was ich mir ausgesucht habe? Ich traue mich nicht zu fragen, ob es noch da ist! Warum ich nicht wusste, dass es so schwierig ist?? Ich wusste es ja! Es gibt halt auch Tiefen, in denen man Inspiration suchen sollte. 30. Ich habe keine Angst und keine Sorge vor dem nächsten Kapitel. Es sind Geburtstage im Generellen, die mich deprimieren. Man denkt über seine Freunde und sein Leben nach, fragt sich wohin man eigentlich will und was dazu geführt hat, dass man jetzt erst hier ist! Das verleitet halt immer zur philosophisch dümmsten Frage: „Was wäre, wenn…?“ Ein leichtes, überlegenes Grinsen: 30 ist nicht das Problem.

Das Telefon schreckt mich aus dem Trübsinn. Ich gehe ran, klinge verschlafen. Schön die Stimme noch mal zu hören, auch wenn es nur kurz ist. Sofort darauf wieder Telefon. Aber ich finde, ich muss heute nicht mit jedem reden! Weggedrückt. Nur weil mein Telefon Tag und Nacht an ist, heißt es ja nicht, dass mich jeder immer anrufen kann. Ich würde schon gerne mit ihnen reden, aber so nicht! Nicht heute! Ich bin ja auch online, will aber nicht gleich mit allen chatten und mich austauschen. Eine gefüllte Freundesliste macht noch keine wahren Freunde! Ich möchte folgende Statusmeldung in den Äther schicken: „Ich bin online, um Euch nah zu sein. Aber bitte lasst mich in Ruhe!“ Dieses Fieber ist ansteckend. Und es ist der Grund dafür, warum ich mich nicht traue, mich persönlich mitzuteilen. Quarantäne.

Musik geht inzwischen, Essen noch nicht. Kopfschmerzen pulsieren vom Gedankensalat. Ich muss aufhören, abschalten. Schließlich will ich mich nicht in Selbstmitleid suhlen! Wieder Telefon! Immer jemand anderes! Weggedrückt. Die Mittelchen zur dumpfen Betäubung sind sehr beschränkt. Der faule Pelz muss entfernt werden! Ich werde die Zähne putzen, mich dick einpacken und mit meinem einzigen Freund in die Wälder gehen.

_____

Die Luft war gut. Mild, duftend. Ein goldener Herbsttag. Es roch bekannt und nostalgisch. Nach zwei Schritten aus der Haustür, drehte ich um! Heute müssen die mystischen Plätze warten. Ich ging zurück in mein Zimmer und holte meine Taschenlampe und die fingerlosen Handschuhe. Dann ging es los, schnurstracks zum Schlangenweg hinauf. Ich fühlte mich wohl! Sehr wohl, obwohl mein Körper darüber anders gedacht hat! Aber der musste ja auch die ganze Arbeit machen. Mein Geist war amüsiert und gefüllt mit Musik.

Das Ziel war das alte Kloster auf dem Berg über der Thingstätte. Der Weg dorthin war länger als ich ihn in Erinnerung hatte. Und auch mein Geist hatte manchmal schwer zu arbeiten, um dorthin zu kommen. Eine erste längere Rast legte ich an der Thingstätte ein. Es dämmerte schon, als ich ankam. Aber es waren noch einige Leute da. Ich besann mich auf die Musik.

Im Halbdunkel ging ich zum Kloster hinauf. Das Tor war wie erhofft nicht verschlossen und mit der Taschenlampe suchte ich mir den Weg. Ich fand ein Plätzchen auf den Resten einer Wand am hintersten Ende. Auf die Mauern hätte ich mich gerne gesetzt oder in den Turm, aber bei den herrschenden Lichtverhältnissen sollte man am Boden bleiben. Ich bereitete alles vor und habe sicher wie ein blöder Prolet ausgesehen, als ich meinen Computer mitten in der Wildnis ausgepackt habe. „Wenn jemand lästert, kriege ich es nicht mit!“, dachte ich und setzte meine großen Kopfhörer auf. Mit einem Schlag war es dunkel und nur die grünen Buchstaben leuchteten zur Musik.

Manchmal ist es sehr schwer, Musik zu ertragen. Und manchmal kann man nichts anderes machen, als in sie zu versinken. In diesem Fall traf beides zu! Also schrieb ich und ließ mich fallen.

Diesmal gab es keine Sternschnuppen, der Himmel war bewölkt. Ich habe einmal gesagt, dass ich keine mehr bräuchte. Das hatte ich nun davon! Immerhin war es angenehm warm und tranig kamen die Worte ins Fließen.

Als irgendwann mein Telefon klingelte, ging ich ran! Besuch kündigte sich an und ich saß am anderen Ende der Stadt alleine auf einem Berg in einem Wald. Das Treffen wurde verschoben, bis ich wieder in der Zivilisation wäre. Ich packte zusammen. Legte mich noch einen Moment zurück, weil mein Rücken vom Schleppen und schlechten Sitzen vor dem Computer schmerzte und schloss die Augen. Waldgeräusche. Wind, Knacken, Fledermäuse, Rascheln. Satter Duft wurde mir in kleinen Brisen zugewedelt. Ich blieb eine kleine Weile und fühlte die Welt ohne Musik. Ein herrliches Gefühl!

Es verschwand beim Abstieg und machte Angst und Panik Platz. Die Taschenlampe war nutzlos, der Weg zuweilen gefährlich und steil. Undefinierbare Geräusche, schnelle Schatten, das Gefühl nicht allein zu sein und vom Wald beobachtet zu werden bescherte mir Gruseln. Als ich endlich am asphaltierten Philosophenweg ankam, war ich schweißgebadet. Stadtlichter, dann ging alles sehr schnell.

Ich bin zufrieden. Viel und tief frische Luft eingeatmet. Mein Arzt wird auch zufrieden sein, denn er wird morgen früh auf jeden Fall etwas finden.

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Kommentare
  1. W.L. sagt:

    Ich konnte mir beim Lesen alles sehr genau vorstellen, obwohl ich den Ort nie gesehen habe. Außerdem kommt das Gefühlsleben deutlich hervor. Weiter so!!!

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